Selbstfürsorge und Kraftquellen

Foto: Tscholl-Jagersberger

„Schau’ auf dich!“ „Du brauchst Abstand und Erholung!“ …. Sätze, die pflegende Angehörige oft von vielen Leuten als gut gemeinten Ratschlag empfohlen bekommen, die sie aber auch oft schon nicht mehr hören können.

„Wie soll ich auf mich schauen, wenn ich 24 Stunden am Tag für den Pflegebedürftigen da sein muss?“
„Wie soll ich auf mich schauen, wenn am Ende des Tages keine Energie und Kraft mehr übrig ist?“
„Ja, wie denn?“

„Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann“.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Sowohl zeitlich, als auch energiemäßig, ist es oft schwierig Erholung von der Pflege zu erlangen, auf Urlaub zu fahren, Freunde zu besuchen, sich einen Tag Auszeit zu gönnen. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag nicht auf die Kraftquellen und Ressourcen eingehen, für die ich während dieser Zeit eine andere Person brauche, die sich um den Pflegebedürftigen kümmert, sondern auf Ressourcen, die ich im Alltag integrieren kann.

Es sind oft schon Überlegungen hilfreich – z.B.: Ich überlege mir, welche Kontakte mir wichtig sind und weshalb sie mir gut tun? Was schätze ich an diesen Kontakten? Was ist das Besondere an ihnen?

Alleine durch das Ablenken, das Lenken der Gedanken auf etwas anderes, etwas Positives, schafft Distanz zur Belastung, zum Problem, zur Pflege und schafft mir Raum zum Atmen, zum Kraft tanken – einen Ausgleich.
Diese Kontakte können auch telefonisch aufrechterhalten werden oder auf einen Kaffee nach Hause eingeladen werden – sofern es die Corona-Maßnahmen zulassen.

Um herauszufinden, was Ihre Ressourcen und Kraftquellen sind, können Sie sich z. Bsp.: fragen, was Sie glücklich macht? Eine große Frage, da Sie zuerst für sich beantworten müssen, was Glück für Sie ganz persönlich bedeutet!
Und es geht ja nicht nur um die großen Sachen, die glücklich machen, wie z.B.: Kinder, Enkelkinder, Urlaube,… sondern auch, und besonders, um die Kleinen, die im Alltag stattfinden – ein paar freundliche Worte, aufbauende Gespräche, berührende Gefühle, ansprechende Bilder, wohltuende Gerüche – lassen Sie Ihre Sinne arbeiten.

Gerade in der Pflege und Betreuung eines Angehörigen können Sie den Blick darauf verlieren, was Sie brauchen, um glücklich zu sein, weil Sie Ihre Zeit und Energie in die Sorge und das „Glück“ des Partners / der Partnerin oder der (Schwieger-)Eltern investieren. Pflegende Angehörige unterdrücken oft ihre eigenen Bedürfnisse und können dadurch die Wahrnehmung für sich selber immer mehr verlieren.

Eine Achtsamkeitsübung, die hier gegensteuern kann, wäre zum Beispiel, jeden Abend 3 Dinge aufzuschreiben, die Sie an diesem Tag glücklich gemacht haben. Den Tag noch einmal durchgehen und einfach kleine Dinge der Freude notieren. Und sollten – gerade zu Beginn – Abende dabei sein, wo Ihnen nichts einfällt, dann ist das so. Manchmal ist es auch einfach nur ein Glück, dass dieser Tag zu Ende geht. Und es braucht auch ein wenig Übung. Aber mit der Zeit wird dieses Ritual Ihren Blick auf den Alltag verändern und Sie mehr und mehr auf der Suche sein lassen, nach dem kleinen Glück, dass Sie am Abend in Ihr „Glückstagebuch“ eintragen oder in Ihre „Ressourcenbox“ geben können.

Kleiner Tipp: Wenn Sie Ihre positiven Erfahrungen und stärkenden Erlebnisse schriftlich festhalten oder/und  in Form von Fotos oder Symbolen sammeln, können Sie jederzeit darauf zurückgreifen und sich bei Bedarf damit stärken und nähren.

Wenn das alles zu aufwändig für Sie ist, können Sie sich vorm Zubettgehen, 1-2-3 Sachen, die heute sehr schön waren, ins Gedächtnis rufen. Mit diesen Gedanken kann der Tag dann positiv abgeschlossen werden.

Und das ist schon ein großer Schritt Richtung Selbstfürsorge. Sie achten dadurch mehr auf sich und auf Ihre Bedürfnisse, darauf, was Sie glücklich macht, während Sie Ihren Angehörigen pflegen und begleiten.

Sie sehen, es geht nicht immer nur darum, etwas zu unternehmen, was natürlich auch wichtig ist, weil es erheblich zum Wohlbefinden und zur Gesundheit beiträgt. Aber schon kleine positive Gedanken und Übungen im Alltag können ab und zu zum Durchatmen und Kraft tanken helfen.
Jede und jeder hat Kraftquellen, sie müssen ihm/ihr nur wieder bewusst werden.
Jedem gibt etwas anderes Kraft und Energie und sich dessen bewusst zu sein, ist eine große Unterstützung in der Pflege und Betreuung
Auch in unseren Beratungen geht es oft darum, Kraftquellen und Ressourcen (wieder-) zu entdecken.

Beitrag von Nadine Tscholl-Jagersberger, Standortleitung Servicestelle Pflegende Angehörige Freistadt

Mein Buchvorschlag für ein bisschen Auszeit im Alltag

Finden und loslassen  – Betreuende Angehörige, Demenzkranke und ein Psychotherapeut im Gesprächvon Peter Christian Endler

Facultas – Verlag

Foto: Facultas-Verlag

In diesem Buch begegnen wir pflegenden Angehörigen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten und Betreuungssituationen:

„Männer und Frauen mit demenzkranken Ehepartnern,…
eine blinde Frau die ihre `nette demente´ Mutter betreut, …
eine Tochter, die sich in die Tiefen ihrer Geschichte und Ihrer Träume begibt, um die Verstrickungen mit dem Vater zu lösen …
ein Sohn, einst ungewolltes Kind, der seine Mutter pflegt und sich um sein Leben betrogen fühlt, …
ein `eigenwilliger´ Betreuter der keinen Arzt sehn will und dessen Frau es ihm ermöglicht, daheim zu sterben, …“  (S. 12)

Im Einzelgespräch mit dem Therapeuten oder in der therapeutischen Gesprächsgruppe hat alles Platz: schmerzliche Vergangenheitsaufarbeitung, belastende Betreuungssituationen, positive wie negative Gefühle, … und in den Gesprächen entstehen neue Perspektiven und Sichtweisen.
In den Dialogen – in der Gruppe oder mit dem Therapeuten – kann sich der Leser mit seinen eigenen Erfahrungen wiederfinden.

„Die Geschichten geben aber ihren Leserinnen keine Ratschläge. Vielmehr schildern sie Entwicklungen von Menschen in einem wertschätzend förderlichen gemeinsamen Umfeld – als Beispiel, als Inspiration, als Orientierung.“ (S. 14)

Für mich ein sehr empfehlenswertes Buch, vor allem für pflegende Angehörige,    eine Ermutigung mit seiner Situation nicht alleine zu bleiben, sondern sich mitzuteilen und eine begleitete Gruppe oder eine Beratung bzw. Therapie aufzusuchen.

Wir bedanken uns bei Martin Eilmannsberger für diesen Buchtipp.

Unsere Mitarbeiter*innen stellen sich vor

Heute im Interview mit Nadine Tscholl-Jagersberger

Standortleitung der Servicestelle Pflegende Angehörige Freistadt

Foto: privat

Was bedeutet für dich

Glück Liebevolle Menschen um mich zu haben.

ErfolgMein Leben so zu leben, wie ich es leben möchte; zu tun, was ich liebe und so angenommen zu werden, wie ich bin.

Zufriedenheit Gelassen und positiv jeden Tag zu leben und dankbar für alle schönen Momente zu sein.

Wann hast du zum letzten x

Herzlich gelacht: Es gibt fast jeden Tag Situationen, die mich herzlich lachen lassen – mit meiner Familie, meinen Freunden oder mit meinem Team.

Deine Angst überwunden: Im Sommer 2019, als ich mit unserer Jüngsten in einem Karussell war und festgestellt habe, dass sie Spaß dabei hat, viele Meter über dem Boden durch die Luft zu fliegen.

Aus einem Fehler gelernt: Hoffentlich jedes Mal. Zuletzt habe ich gelernt, dass ich Home Office und Kinderbetreuung nicht mehr gleichzeitig machen werde.

Etwas Neues ausprobiert: Immer wieder – dieses Jahr zum Beispiel Yoga über Zoom.

Was ist dir lieber

Mozart oder Elvis: Mozart

Wein oder Cola: Wein

Sushi oder Schweinebraten: Schweinebraten

Meer oder Bergsee: Beides

Hund oder Katze: Katze

Kino oder Theater: Beides

Aufgabenbereich:

Ich leite die Außenstelle in Freistadt und biete einen Beratungstag in Hagenberg an. Die Aufgaben reichen von psychosozialer Beratung, Organisation von Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit zu Vernetzungsarbeit. Außerdem bin ich für den Bereich Social Media und unseren Newsletter zuständig.

Beruflicher Werdegang / Ausbildung:

Nach dem Studium der Sozialarbeit an der Fachhochschule Linz war ich 4 Jahre in der psychiatrischen Nachsorge in der Wohnbetreuung tätig, habe stimmenhörende Menschen und deren Angehörige beraten und Fortbildungen für Mitarbeiter*innen organisiert.

Nach der Elternkarenz habe ich die Ausbildung zum Seniorenvitalcoach absolviert.

Seit Mai 2019 bin ich mit 19 Wochenstunden bei der Caritas Servicestelle Pflegende Angehörige beschäftigt.

Das wichtige und wertvolle an meiner Arbeit für pflegende Angehörige ist:

Für Pflegende Angehörige ein offenes Ohr zu haben und sie durch Beratungen, Gespräche und Veranstaltungen entlasten und unterstützen zu können und in der Gesellschaft aufzuzeigen, welch wichtige und wertvolle Arbeit pflegende Angehörige leisten.

Ausgleich finde ich

bei der Familie, beim Lesen, in der Natur, beim Sport, beim Besuch von Veranstaltungen.

Persönliches:

Ich bin 34 Jahre alt, verheiratet und Mutter von 2 Töchtern. Da ich in einer großen Familie (Mehrgenerationenhaus) aufgewachsen bin, habe ich erfahren können, wie wichtig und hilfreich die gegenseitige Unterstützung und Entlastung sein kann.

Wir bedanken uns bei dir, liebe Nadine, für diesen Beitrag und das Interview und ersuchen dich abschließend um dein Lebensmotto oder ein Lieblingszitat:

Eines meiner Lieblingszitate ist von Pearl S. Buck

„Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“

Geschichten, die das Leben schreibt

Foto: pixabay

Tagtäglich leisten 65.000 Menschen in Oberösterreich Betreuungs- und Pflegearbeit für ihre Angehörigen. Alle diese Menschen haben eine Geschichte zu erzählen. Von Höhen und Tiefen, Herausforderungen und Glücksmomenten, von Hürden und erfreulichen Überraschungen,….

Einiger dieser sehr persönlichen Lebens/Pflegegeschichten geben wir hier Platz und Raum, um die Leistungen pflegender Angehöriger abzubilden. Damit möchten wir sichtbar machen und würdigen was pflegende und betreuende Angehörige für ihre Angehörigen aber auch für die Gesellschaft tun.

… weil wer betreut jemanden ist für mich ein großartige Mensch

Hallo ich heiße Dana, wohne im Bezirk Kirchdorf an der Krems und hab ich meinen Lebensgefährten betreut. Am 8. März bekommt er einen Schlaganfall und wird ins Krankenhaus nach Linz mit dem Hubschrauber gebracht. Zu der Zeit hat die Corona Pandemie angefangen und 4 Tage die er  im Krankenhaus liegt kann ich ihn nicht besuchen, weil Krankenhaus war zugesperrt. Es war sehr schwierige Zeit für uns alle. Nach 9 Tagen kommt er wieder nachhause. Er war wie ein Kind, konnte nicht reden, nicht selber essen und vieles mehr. Und ich hatte keine Ahnung wie kann ich ihm helfen, aber jetzt kann ich sagen ich bin stolz auf uns wie haben wir es geschafft. Ganz ohne Hilfe, wir ganz alleine. Jetzt sind 6 Monaten vorbei und mein Mann hat noch keine Termin für eine Kur. Wenn hab ich angerufen warum es dauert so lang und er braucht einen Termin, dass er wieder ins normale Leben kommt, die sagen immer jetzt ist alles schwer wegen Corona. Ich arbeite in Altenheim nicht als Pflegerin sondern in der Küche. Es tut mir sehr leid, wie Corona alle Leute betrifft. Wir sind noch jung und können vieles schaffen aber die ältere Leute nicht mehr. Ich schreibe nicht das ich den Gutschein Gewinne ich will nur meine Geschichte mitteilen. Wer Gewinnt ich wünsche ihm alles Gute und Freude mit dem Urlaub, weil wer betreut jemanden ist für mich ein großartige Mensch.  Liebe Grüße Dana 

Diese Geschichte bekamen wir im Rahmen unseres Geschichtenaufrufes 2020, mit der Möglichkeit einen Kurzurlaub zu gewinnen, zugesandt und wir bedanken uns bei Dana für ihren Beitrag.

Name und Ort wurde von der Redaktion geändert.

Vom Umgang mit „negativen“ Gefühlen, und warum es diese für mich nicht gibt.

Foto: pixabay

Gefühle sind da, um gefühlt zu werden. Das sagt schon das Wort. Für mich gibt es keine negativen Gefühle. Ich sehe Emotionen als Wegweiser. Bin ich am richtigen Weg, oder gibt es etwas in meinem Leben, das ich mir genauer anschauen sollte, weil sich da Dinge nicht stimmig anfühlen. „Gefährlich“ sind nicht die negativen Gefühle an sich, wie Wut, Zorn, Angst, Unsicherheit, Scham, Zweifel, Verunsicherung, Traurigkeit, Sinnlosigkeit, usw., sondern die unbewussten Gefühle. Das heißt, man spürt zwar oberflächlich, dass man sich nicht wohl fühlt, verschließt aber die Augen davor, setzt sich nicht damit auseinander, steckt den Kopf in den Sand und verdrängt. Doch diese Gefühle meinen es gut mit uns, und wollen uns auf etwas hinweisen, und hören so lange nicht auf, bis wir irgendwann gezwungen werden, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Tun wir das nicht, können Angststörungen, Depressionen und körperliche Symptome und letztendlich Erkrankungen entstehen.

Das heißt: Immer wieder einmal hinsetzten und fühlen. Wie geht es mir jetzt? Welche Gefühle sind gerade da? Wie machen sie sich bemerkbar (Druck, Enge, Schwere, Schmerz,…) und wo fühle ich sie? Und dann lasse ich diese einfach einmal da sein, bedanke mich bei ihnen, weil sie es ja in Wirklichkeit nur gut mit mir meinen, versuche, genau dort hinzuatmen. In einem nächsten Schritt könnte man auch versuchen, sich vorzustellen, wie das Gefühl ausschaut, welche Form und Farbe es hat. Oder man fragt es ganz konkret, was es einem denn sagen möchte? Im Internet gibt es dazu unzählige geführte Meditationen. Gerade am Anfang ist es leichter, wenn man durch so einen Prozess geleitet wird. In meinen Beratungen gehe ich mit den KlientInnen gemeinsam durch ihre Gefühle. Danach stellt sich immer eine Erleichterung ein. Aber natürlich sollten dann auch Veränderungen im Leben folgen, da die Emotionen sonst immer wieder kommen. Man kann das auch als Alarmanlage unserer Seele bezeichnen.

Was man auch noch wissen sollte, ist, dass alles mit einem Gedanken beginnt. So wie ich denke, so fühle ich. Und so wie ich fühle, so handle ich. Und meine Handlungen erzeugen Reaktionen vom Umfeld, welche mich wieder zum Denken bringen, usw. Ich beobachte deshalb regelmäßig, was denke ich über mich, meine Mitmenschen, das Leben an sich? Vor allem dann, wenn es mal nicht rund läuft. Glaubenssätze, Werte und Referenzerfahrungen spielen hier eine große Rolle.

Was auch noch helfen kann, ist, sich immer wieder die Frage zu stellen: „Was kann im schlimmsten Fall passieren?“ Meistens wird einem dann bewusst, dass man auch mit den schlimmsten Folgen irgendwie zurechtkommen würde, oder diese höchstwahrscheinlich gar nicht so schwerwiegend ausfallen werden. Und ertappt man sich dabei, sich wirklich die schlimmsten Horrorszenarien auszumalen, dann heißt es, die Logik und den Verstand einzuschalten, und zu hinterfragen, wie realistisch denn diese Vorstellung ist? Was müsste da wirklich vorher alles passieren, dass dieser Worst Case eintritt? Und wo könnte ich da in diesem Prozess schon ständig eingreifen und in die Gegenrichtung lenken?

Der Umgang mit Gedanken und Gefühlen bestimmt zu einem Großteil unser Leben. Es lohnt sich daher gut darauf zu achten. Sollten Sie beobachten, dass Sie über einen längeren Zeitraum nicht aus einer „Negativspirale“ aussteigen können, stehen ich oder meine KollegInnen, in einer unserer Caritas Servicestellen für Pflegende Angehörige, sehr gerne zur Verfügung.

Wir bedanken uns bei unserer Mitarbeiterin Sabine Eiblwimmer für diesen Beitrag.

(Standortleitung Steyr)