Was Beratung bringen kann?

Pflegende Angehörige haben oft kein konkretes Bild, was Beratung für sie bringen kann. Sie empfinden sich in oft scheinbar nicht zu lösenden Konflikt- und Dilemmasituationen wie zum Beispiel: zwischen dem Wissen eine Auszeit zu brauchen aber nicht weg und den Betreuungsbedürftigen nicht alleinlassen zu können, zwischen eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen der Pflege und Betreuung, zwischen Pflege und Familie, usw. und oft wird Ausweglosigkeit formuliert: „Ich habe es versprochen!  Ich halte es nicht mehr aus aber es ist halt meine Pflicht! Die Pflege ist mit der Übergabe des Hauses vereinbart! Es ist ja sonst niemand da! Die anderen haben sich zurückgezogen!“

Ein Beratungsgespräch kann neue Perspektiven bringen und neue Sichtweisen entstehen lassen, die die Situation und das Belastungserleben verändern.
Ein Beispiel dazu:

Eine Frau kommt in die Beratung mit der Aussage, dass sie die ständigen Nörgeleien und Schikanen der Schwiegermutter nicht mehr aushält. Sie betreut schon seit längerer Zeit den Schwiegervater. Die Schwiegermutter braucht aber in der Zwischenzeit immer mehr Unterstützung, was sie allerdings nie eingestehen würde: „Die paar Kleinigkeiten, die du für mich tun musst fallen doch überhaupt nicht ins Gewicht.“ Immer wieder spürt sie durch die Schwiegermutter, dass sie einfach nichts recht macht. Ein Danke hat sie noch nie gehört: „Ihr habt ja das Haus bekommen und Euch ins gemachte Nest gesetzt!“ Der Schwiegervater schweigt zu allem und lässt alles über sich ergehen. Früher, als er noch gesund war, war er einfach unterwegs und hat sich entzogen.

Den Attacken der Schwiegermutter fühlt sich die Frau hilflos ausgeliefert und wehr sie sich einmal dann hat sie im Nachhinein ein schlechtes Gefühl. Spätestens, wenn die Schwiegermutter vom Beschimpfen auf Suizidandeutungen wechselt wird die Frau schwach und gibt nach. Den Gedanken, die Schwiegereltern in einem Heim anzumelden traut sie sich erst gar nicht zu denken.

Sie fürchtet sich jedes Mal, wenn sie zu den Schwiegereltern geht. Die Arbeit als solche, sagt sie wäre ja kein Problem, Arbeiten war ihr nie ein Problem, nachdem sie auch noch Teilzeit arbeitet.

Im Laufe der Beratung wird ihr bewusst, dass die Schwiegermutter selbst eine schwierige Kindheit gehabt hat, mit wenig Zuwendung und Wertschätzung von den Eltern, dass sie den erträumten Beruf nicht ergreifen konnte und dass sie sich für den Mann, den sie geliebt hat, aus finanziellen Überlegungen nicht entschieden hat. Die pflegende Schwiegertochter nimmt auch wahr, dass ihre Versuche, zu beweisen, die richtige Frau für den Sohn der Schwiegermutter zu sein, niemals ausreichen werden.

Sie erkennt, dass dies nur zu weiteren Kränkungen und Enttäuschungen führen wird. Gleichzeitig entdeckt sie, dass sie vieles übernimmt, was eigentlich ihr Mann mit seiner Mutter klären müsste.

Es gelingt im Zuge einer weiteren Beratung, dies mit ihrem Mann zu besprechen und sie kann sich gut auf die Betreuungsaufgaben beschränken. So wird zum Beispiel vereinbart, dass Geldangelegenheiten, Arztgeschichten, familiäre Vereinbarungen (mit den Geschwistern des Mannes), und manches andere ihr Mann übernimmt. Seit sie dies für sich so klar hat, berichtet sie in einem abschließenden Gespräch, hat vieles an Beleidigungen und Nörgeleien durch die Schwiegermutter aufgehört. Sie kann sich auch, wenn nötig, ohne schlechtes Gefühl zurückziehen. : Betreuungsaufgabe ja, Prell- oder Sündenbock sein, nein.

Aus der ausweglosen Situation mit dem Gefühl des Ausgeliefert – Seins beziehungsweise aus einem passiven Geschehen – Lassen, ist eine aktive Gestaltung  der Situation geworden, aus dem Reagieren ein Agieren.

Ein Gespräch ermöglicht neue Perspektiven und Betrachtungsweisen.

Es kann aber auch schon sehr wichtig sein, im Sinne der Psychohygiene vieles einmal auszusprechen. Die schlechteste Variante ist die, damit alleine zu bleiben.

Text: Mag. Martin Eilmannsberger
(Berater der Servicestelle Pflegende Angehörige, Theologe und Sozialarbeiter)

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