Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen

BildHaben heute einen lieben Nachbarn beerdigt, der nach einem Schaganfall endlich erlöst wurde. Solche Tage sind immer schwierig, da kommen die Fragen meiner Mutter: „Warum holt mich der liebe Gott nicht auch, will mich keiner da oben?“ Was antwortet man darauf? Ich versuche es meistens mit: „Es wird schon einen Sinn haben, dass du noch unter uns bist.“

Es stimmt, unzählige Menschen mit viel kleineren Problemen als die meiner Mutti gehen gestärkt und getröstet von Besuchen bei ihr nach Hause: Angesichts dieser Frau, die seit 45 Jahren MS hat, vom Kopf abwärts gelähmt ist, aber Gedichte macht, Musik liebt und singt dazu (seit mein Mann und ich einen Tanzkurs belegen und manchmal vor ihr probetanzen, singt sie schon mal morgens im Bett ”Schuld war nur der Bossanova”) wird so manchem Besucher wieder klar, das Schöne in seinem Leben zu schätzen und dafür dankbar zu sein.

Andererseits, täglich Schmerzen ertragen und für jede Tätigkeit Hilfe annehmen müssen, sich als Last fühlen, ist das lebenswert? Klingt es nicht wie Hohn, wenn ich da sage, es wird schon einen Sinn haben?

Tja, es ist ein auf und ab, heute ein bißchen mehr ”ab“.

Liebe Grüße
Martina (Tagebuchschreiberin und pflegende Angehörige)

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