„Vom Nein in der Pflege“

Senior woman holding hands with caretakerDas Nein
das ich endlich sagen will
ist hundertmal gedacht
still formuliert
nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
nimmt mir den Atem
wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
und verlässt
als freundliches JA
meinen Mund.
(Peter Turini)

Eine Frau, die schon seit zwei Jahren ihre Mutter betreut, erzählt: „ Meine Mutter beansprucht viel von meiner Zeit. Ich betreue sie gerne, aber in letzter Zeit wird sie immer vereinnahmender und fordernder. Sie macht jedes Mal ein Theater, wenn ich für ein paar Stunden weg muss oder einfach einmal mit einer Freundin auf einen Kaffee gehen will. Einen Abend weggehen ist bereits ein Drama. Ich halte das bald nicht mehr aus, ich spüre eine wachsende Wut auf sie und werde dann mal auch aggressiv. Ich tu mich ganz schwer „Nein“ zu sagen. Wenn ich es dann doch tue und z.B. den Theaterbesuch mache, habe ich hinterher ein so schlechtes Gewissen. Sie tut mir ja so leid mit ihren Handicaps und ihren Gebrechen.“

Ein Blick in die gemeinsame Beziehungsgeschichte lässt das Problem ein wenig besser verstehen. Sie wurde als einziges Kind von der Mutter großgezogen. Der späte Weggang von der Mutter war damals sehr dramatisch und konfliktreich. Schließlich war sie über viele Jahre gleichsam Tochter und Partnerersatz nach dem frühen Tod des Vaters.
Da die Mutter zuletzt immer mehr auf Unterstützung angewiesen war, zog sie in die große Wohnung der Tochter, die seit einiger Zeit wieder alleine lebte. Das Gefühl für das Glück der Mutter verantwortlich zu sein, war wieder ganz stark da, alte Muster traten wieder auf.

Hier brauchte es eine grundsätzliche Klärung der Mutter-/Tochterbeziehung. Erst dann gelang es der Tochter, auch ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und Grenzen zu setzen.

Pflegende Angehörige klagen oft darüber, dass die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der vielfältigen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen zurückgestellt werden. Sie fühlen sich oft wehrlos den überzogen Anforderungen der auf Hilfe angewiesenen Person ausgeliefert. Z.B.: „Du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen, wo es mir so schlecht geht“ – Schon ist der geplante Urlaub dahin. Hilfebedürftigkeit, Mitleid, Einsamkeit können starke Druckmittel darstellen.

Aber auch eine Pflegebeziehung braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz, den Respekt beider Parteien vor den jeweiligen Bedürfnissen des anderen und die Auseinandersetzung darüber, braucht so auch das NEIN.

Text: Mag. Martin Eilmannsberger
(Berater der Servicestelle Pflegende Angehörige, Theologe und Sozialarbeiter)

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