„Sonntagsbummel“ – Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen

Fotolia_47287990_XSDer heutige Tag kam mir wie ein Tummelplatz vor. Ich freute mich, weil die Sonne so schön bei meinem Schlafzimmerfenster hereinkam. An einem Sonntag brauche ich nicht so früh aufzustehen. Aber heute hatten wir das Erntedankfest und ich wollte Maridl mit in den Gottesdienst nehmen. Früher ist sie fast alle Tage in die Kirche gegangen und das ist bei ihr, trotz ihrer Demenzkrankheit,  noch von früher her sehr wichtig. Das “Kirchengehen”, eine ZEREMONIE. Fast alle Tage, wenn ich sie morgens aus dem Bett hole, fragt sie mich, ob ich schon in der Kirche gewesen bin. Weil ich merke, dass ihr das im Leben noch ein Fünkchen Freude bringt, nehme ich sie Sonntags fast immer mit. Schon allein wenn sie das Gotteshaus sieht, strahlt sie über das ganze Gesicht. Ich muss solche Gesten beachten, weil ich ansonsten fast keine Möglichkeiten mehr habe, mit ihr zu kommunizieren. Sie schaut mich oft groß an, wenn ich sie etwas frage und ich weiß nicht, ob sie mich verstanden hat.

Also richtete ich das Frühstück und wollte auch Maridl holen, doch sie begegnete mir schon im Stiegenhaus und das war kein gutes Omen. Sie hat heute schon das ganze Zimmer umgeräumt, Nachtkästchen und Tisch vertauscht, Leibstuhl bis ins Stiegenhaus verschleppt und natürlich alles versteckt, was wir zum Anziehen brauchen, von den Schuhen bis zum Kopftuch. Fast hätte ich einen Suchtrupp gebraucht, um alles zu finden.

Doch nach dem Frühstück ging’s ab zum Gottesdienst und Maridl strahlte wie immer. Aber als wir nach Hause kamen, war die Unruhe wieder da und sie wollte überhaupt nicht in ihr Zimmer, weil sie da ja nicht zuhause ist. „Was werden meine Eltern sagen, wenn ich heute nicht heimkomme?“ oder „Wann bringst du mich heim?“… mit diesen Wortenk verfolgte sie mich auf Schritt und Tritt. In dieser Aufregung machte sie sich zwei mal in die Windeln.

Erst beim Mittagsessen kehrte wieder Ruhe ein. Das Essen schmeckt ihr immer und sie ist wieder zufrieden und hält sogar ihr Mittagsschläfchen. Das ist oft ein/e sehr anstrengende Tortur für mich. Aber heute zum Beispiel steht sie vom Tisch auf, kommt zu mir her und streichelt mir über den Rücken und lächelt mich an. Auch meine Familie ist verwundert und alle haben plötzlich ein Lächeln auf den Lippen. Ich finde, dass wir das brauchen, das macht das Leben lebenswert und zwar jedes Leben, ob ungeboren, krank oder alt.

Theresia, Tagebuchschreiberin und pflegende Angehörige

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s