„Tante Resi kennt sich aus“ – Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen

Fotolia_47287990_XSIch habe den heutigen Tag als Beginn für die Tagebucheintragung gewählt, da es für meine Tante Resi und mich ein schöner und erlebnisreicher Tag war, mit einer kleinen Reise in die Vergangenheit.

Ich habe ihre zwei Schulfreundinnen – beide schon im 87. Lebensjahr – zum gemeinsamen Nachmittagsplauscherl eingeladen. Unsere Tante Resi findet sich ja aufgrund ihrer Demenz in der Gegenwart mit den Personen und Tagesabläufen nicht mehr zurecht, doch bei Gesprächen von “Früher”, da kennt sich Tante Resi aus. Das ist das Unglaubliche an diese Krankheit, dass sie ihre engsten Angehörigen nicht mehr zuordnen können und nicht wissen, welcher Tag oder welches Monat ist, sich jedoch an die Kindheit und Jugend noch sehr genau erinnern können.

Der Nachmittag war auch für mich ganz unterhaltsam – und manchmal habe ich mich nicht mehr ausgekannt – wenn sie von 2 – 3 Generationen erzählten, wer wen geheiratet hat und mich dann Tante Resi plötzlich gefragt hat: „Kathi (das war ihre Tante, die vor 30 Jahren gestorben ist), weißt du das nicht mehr?“ Dann habe ich meiner Tante wieder zum x-ten Mal erklärt, dass die Kathi schon längst gestorben ist und ihre Antwort war wie immer – „Ach, ich habe sie gestern aber noch gesehen.“

Das Berührendste bei so einem Treffen von meiner Tante mit ihren Bekannten ist für mich immer, wenn sie sich voneinander verabschieden. In so einem Händedruck liegt so viel Herzlichkeit und Dankbarkeit, dass sie sich wieder einmal sehen durften und zugleich die Hoffnung, dass es nicht das letzte Mal war. Natürlich werde ich mit Lob und guten Wünschen überschüttet, dass ich ihnen diesen Nachmittag ermöglicht habe. Es bereitet auch mir immer eine große Freude, wenn ich sehe, wie zufrieden und glücklich sie nach so einem Nachmittag sind.

Als ich dann beim gemeinsamen Abendessen meiner Familie vom Nachmittag erzählt habe, hat mich Tante Resi ganz erstaunt gefragt, warum ich ihr nicht gesagt habe, dass ihre Schulfreundinnen kommen – sie hätte sie doch auch so gerne gesehen. Ich habe ihr dann erzählt, dass sie sich doch den ganzen Nachmittag so gut mit ihren Freundinnen unterhalten hat – ja, da war sie dann wieder ganz zufrieden (zumindest für die nächste Stunde). Ich weiß auch schon, dass sie mich sicher nächsten Morgen fragen wird, wann endlich wieder einmal Besuch kommt – und ich werde ihr wieder zum x-ten Mal die gleiche Antwort geben. Das ist einfach das Schwierigste und die größte Herausforderung bei der Pflege von Personen mit Altersdemenz, dass man einfach immer wieder die gleichen Fragen beantworten muss, ohne dabei die Geduld zu verlieren (gelingt nicht immer).

So zum Abschluss hoffe ich, dass Tante Resi eine ruhige Nacht verbringt und uns durch ihr Herumpoltern nicht ständig aufweckt.

Elfriede, Tagebuchschreiberin und pflegende Angehörige

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