„Mit leeren Händen…“ – Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen

Fotolia_47287990_XSWie jeden Freitag werde ich auch heute wieder meine Mama (88, Seniorenwohnheim) besuchen.

In der Früh, auf dem Weg zur Arbeit, hab ich mir noch beim Bäcker ein Frühstück geholt. Da stand ich vor der Vitrine mit all den guten Mehlspeisen und war ratlos. Gerne hätte ich Mama zum Kaffee – wir trinken immer gemeinsam den „leckeren Alten-Kaffee“, denn eine öffentliche Kaffeemaschine gibt´s leider im Seniorenwohnheim nicht – etwas mitgebracht, da es bei ihr „zu Hause“ immer zum Kaffee eine süße Kleinigkeit gab.

Da stand ich nun – ratlos und ein wenig traurig – vor all den guten Dingen und hab schließlich die Bäckerei mit leeren Händen verlassen. Warum? Nun ja, entweder sind die Bäckereien zu bröselig oder sie bleiben am Zahnersatz kleben, sind zu trocken, zerfallen, oder doch zu cremig, zu süß … – es könnte auch zu groß sein oder schmeckt ihr einfach nicht.

Wobei ja eigentlich nichts mehr wirklich schmeckt und die Erinnerung an die „gute alte Küche“ trügerisch ist. Über das „schlechte“ Essen schimpfen ist inzwischen ganz „normal“. Essen und sch… sind sowieso die wichtigsten Gesprächs-Themen geworden, müssen ausführlichst besprochen und auf kleinen Zettelchen und dem Kalender genauestens aufgeschrieben werden. Nicht nur was es zu Mittag gegeben hat wird akribisch vermerkt sondern auch wie und wann es meine Mama denn wieder „verlassen“ hat.

Inzwischen werde ich täglich mindestens 1x angerufen. Im Büro, zu Hause, im Auto und obwohl meine Mama vieles schon vergessen hat und die Wochentage verwechselt, weiß sie ganz genau, wann sie mir auf die Mailbox meines Handys sprechen muss. Inzwischen wissen meine Kollegen schon, dass sie mich nicht mehr aus dienstlichen Besprechungen holen müssen! Und worum geht es?

Ums Essen – und dass sie mir das, was sie nicht mag, was ihr nicht schmeckt!, was sie nicht essen kann/will, für meine Kinder (32, 20) – die nicht mehr „zu Hause“ sind – im Kühlfach aufgehoben hat. Und dass ich mir das doch bitte holen soll. Allerdings arbeite ich bis abends, wohne im Mühlviertel, Fahrtstrecke ca. 30 km, und die Größe der Portionen macht nicht mal meine Katze satt!

Damit ich mir nicht wieder alles mit nach Hause nehmen muss, komme ich lieber gleich „mit leeren Händen“ – aber mit viel Geduld, Mitgefühl und Dankbarkeit.

Stella , Tagebuchschreiberin und pflegende Angehörige

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