Eine betagte alte Dame mit Stock betritt das Wahllokal…

Fotolia_36192313_XSAus dem Alltag alter Menschen – eine Wahlbegebenheit vom 29.09.2013.
Eine betagte alte Dame mit Stock betritt das Wahllokal. Sie ist eine sehr zierliche, ernst blickende Frau, die sich in gebeugter Haltung dem Wahlleiter nähert. Sie übergibt ihm die Wahlzuschrift und ihren Pass und erhält den Stimmzettel samt Kuvert überreicht. In der Wahlzelle hält sie sich längere Zeit auf und bringt schließlich Stimmzettel und Kuvert mit der Bemerkung zurück zum Wahlleiter, dass der Kugelschreiber nicht schreibe.

Man reicht ihr nun einen anderen Kugelschreiber, worauf sie gleich an der Wahlurne beginnen möchte, den Stimmzettel auszufüllen. Der Wahlleiter fordert sie freundlich auf, wieder in die Wahlzelle zu gehen und dort auszufüllen, was sie – inzwischen sehr verstört – auch tut.

Nachdem sie zum Wahlleiter zurückgekehrt ist, versucht sie Stimmzettel und Kuvert getrennt selbst in die Wahlurne einzuwerfen, worauf ihr schließlich ein Wahlbeisitzer behilflich ist, den gefalteten Stimmzettel in das Kuvert zu stecken und es dem Wahlleiter zu übergeben, der schließlich das Kuvert in die Wahlurne wirft. Die alte Dame bekommt ihren Pass und die Wahlzuschrift ausgehändigt und verlässt das Wahllokal unter freundlichem Grüßen aller Anwesenden des Wahlgremiums.

Es stellte sich heraus, dass der Kugelschreiber in der Wahlzelle mit einer Kappe verschlossen war, also geöffnet werden musste, um damit schreiben zu können.

Es war beeindruckend, mit welcher Gewissheit diese Dame ihre Stimme bei dieser Wahl abgegeben hat. Es ist offensichtlich, dass (hoch)betagte Menschen rasch an Grenzen stoßen, die sie verunsichern. Kleinigkeiten, die jüngere Semester im ‚Vorbeigehen‘ erfassen, kann für ältere zur echten Herausforderung werden. Da das Prozedere mit dieser Dame mehr Zeit in Anspruch genommen hatte, wurde allen Anwesenden klar: das Geschehen im Wahllokal hat sich dem jeweiligen Vermögen, den gewünschten Ablauf erfassen zu können, anzupassen.

Es war eine Einladung an alle, die relative Langsamkeit zuzulassen, ihr die erforderliche Zeit zuzugestehen – und sich selbst etwas aus einem beschleunigten und raschen Ablauf heraus zu nehmen.

Wir danken Heinz Häubl (Sozialarbeiter, Psychotherapeut, Supervisor, Online-Berater der Servicestelle Pflegende Angehörige) für diesen berührenden Text!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s