Sterben meines Vaters. Wie habe ich es erlebt.

DSC_0018Mein Vater kam unerwartet auf die Palliativstation des Krankenhauses, da es für seine äußerst schmerzhafte Krebserkrankung keine  Heilung mehr gab und die medizinische Versorgung zu Hause nicht in dem Maße möglich gewesen wäre.

Wann beginnt Sterben?
Das Bewusst werden, dass in absehbarer Zeit mein Vater sterben wird löste bei mir große Trauer und ein  Gefühl der Ohnmacht aus. Mein Vater war ein sehr christlich, religiöser Mensch und er liebte das Singen. Sein Wunsch war es, dass seine Familie in dieser ganzen Zeit bei ihm ist. Da wir eine große Familie sind und Urlaubszeit war, konnten wir ihm diesen Wunsch erfüllen.

Abschied nehmen – Lebensbilanz ziehen
In dieser intensiven Zeit erzählte er vieles aus seiner Kindheit, von seinen Eltern und von seinen schönsten Erlebnissen in seinem Leben. Er sprach mit jedem/jeder von uns. Er sprach auch laut mit Gott in einem freien, sehr berührenden Gebet.

Festhalten und Loslassen
Wir durchlebten mit ihm täglich die Auflehnung gegen die Wirklichkeit des Todes und auch täglich Phasen der Annahme dieses Zustandes.  In dieser Zeit beteten wir mit ihm, auf seinem Wunsch hin verschiedene Gebete, Psalmen, Rosenkranz oder ein freies Gebet, ebenso sangen wir Lieder aus dem „Gotteslob“, die ihm aus seinem Leben gut vertraut waren. Dabei bemerkten wir, dass er sehr ruhig wurde und irgendwie auf die Schmerzen vergaß. Er sang auch soweit es ging mit.
Soweit es ihm möglich war hatte er auch Humor und wir konnten trotz allem viel lachen.
Für ihn war es angenehm, wenn er immer jemand an der Hand halten konnte. Ich persönlich hielt ihm aber seine Hand die letzten Tage nicht mehr, da ich in mir dieses Loslassen stark spürte: von meiner Seite möchte ich ihn gehen lassen in die neue Welt und ihn nicht länger festhalten.

Schmerzen
Als in der letzten Woche die Schmerzen sehr, sehr stark wurden und wir uns immer wieder an die Krankenschwestern wenden konnten, erklärten sie uns, dass es körperliche und seelische Schmerzen gibt. Die körperlichen Schmerzen zeigen sich  in Muskelverspannungen am Gesicht und an den Händen. Die seelischen Schmerzen sind die „Sterbeschmerzen“, alles Loslassen, Trauer, Versäumtes, Offenes,… Für mich war diese Erklärung eine Erleichterung und gut nachvollziehbar.

Offenes, Unversöhntes
Die Pflege, Begleitung, Umsorge durch die Krankenschwestern war 200 % ig gut. So wurde nicht nur unser Vater versorgt, sondern auch wir. Wir wurden ermutigt, die Zeit zu nützen um Offenes anzusprechen, Unversöhntes zu versöhnen, auszuhalten, durch zuhalten.

Sterben
Die letzte Stunde des Sterbens war ein sehr, sehr großes Geschenk. Bevor ich an diesem Tag auf die Palliativstation fuhr brannte in mir der große Wunsch, ich möchte meinem Vater noch sagen, dass ich ihm für vieles dankbar bin.  Ich war unruhig in mir. Werde ich Worte dafür finden? Dann, am Krankenbett brach es aus mir heraus: Papa! Danke für…. Da noch vier meiner Geschwister, mein Schwager und mein Onkel dabei waren sangen wir nach meinen Dankesworten das Lied: „Danke Jesus!“ Es wurde wie eine ‚Dankeslitanai‘. Auch meine Geschwister sprachen ihren Dank aus. Obwohl wir so stark berührt waren und weinten, war es eine heilige Zeit. Nachdem wir diese Gebetszeit beendet hatten ging mein Vater von uns. Ich konnte eine letzte Träne an seinem Auge sehen. Ich hoffe, es war eine Freudenträne.
Den ganzen Sterbeprozess erlebte ich wie eine Geburt, durch Schweres hindurch bis zu dem Zeitpunkt des totalen Friedens.
Der letzte Atemzug war ein kurzer Moment. Als mein Vater ausgehaucht hatte, hatte ich sofort das Gefühl: Der tote Körper ist irgendwie nicht mehr mein Vater. Er ist wo anders. Das Gefühl hatte ich auch beim Begräbnis, mein Vater ist nicht im Sarg sondern in einer anderen Welt. Dadurch fühlte ich mich auch irgendwie stark.

Geholfen hat mir in dieser Zeit:
•    dass ich nicht alleine war, dass meine ganze Familie in dieser Zeit zusammen gehalten hatte,
•    das gemeinsame Gebet, mein Glaube
•    die guten Worte und das Mitaushalten der Krankenschwestern
•    dass ich (viel) weinen konnte
•    dass ich zu Hause genügend Zeit hatte zu schlafen und mich zu entspannen
•    dass ich versöhnt war mit meinem Vater
•    die Gegenwart meines Onkels (der Palliativseelsorger ist), seine Ruhe die er ausgestrahlt hat, seine guten Worte für uns

Ich bin dankbar, dass mein Vater ein so würdevolles Sterben mit bester körperlich, medizinischer Versorgung, mit seelisch-geistiger Versorgung durch das Beten, singen und reden mit ihm und die gute Versorgung der sozialen Dimension, dass er nicht alleine war (wir gingen diesen Weg mit ihm) hatte.

Text: Anonyme Autorin

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