Aus den Beratungen: „Da fühle ich mich so hilflos!“

Beratung_Martin„Es schmerzt mich sehr, mitansehen zu müssen, wie meine Mutter immer mehr ausbrennt!“, berichtet eine Tochter: „Sie betreut nun schon 3 Jahre meinen demenzbetroffenen Vater. Im letzten halben Jahr ist es ganz schlimm geworden. Mein Vater kann nicht mehr alleine essen, spielt mit dem Essen, greift im Gasthaus anderen auf den Teller und trinkt aus fremden Gläsern. Er verrichtet in der Wohnung an verschiedenen Stellen seine Notdurft und geistert nächtelang durch die Wohnung. Aber das Schlimmste ist, dass er sie keine Minute aus den Augen lässt – er geht mit ihr sogar aufs WC. Meine Mutter reagiert oft sehr gereizt, sie schreit dann mit ihm, weint dann aber, weil es ihr dann leid tut und der Vater ja nichts dafür kann. Immer öfter ruft sie mich an und weint sich bei mir aus. Ich habe dann ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, mehr für die beiden da sein zu müssen. Aber es geht nicht. Ich bin berufstätig und habe meine Familie. Es wird ihr alles zu viel, aber Hilfe von außen will sie auch nicht annehmen. Ich habe ihr den Vorschlag gemacht, es mit einer Tagesbetreuung für den Vater zu versuchen und als ich einmal eine Kurzzeitpflege angesprochen habe, dass sie sich wieder erholen kann, ist sie wütend geworden – dass könne sie ihm doch nicht antun. Da merke ich auch meine Wut auf sie und gleichzeitig tut sie mir leid. Da fühle ich mich dann so hilflos!“

Für sorgende Kinder ist das oft keine leichte Situation:
Wie lange muss ich zuschauen?
Hat ein Kind überhaupt das Recht, sich in die Beziehung der Eltern und deren Situation einzumischen?
Wie umgehen mit den deutlichen oder verdeckten Vorwürfen, mehr da sein zu müssen? Wie umgehen mit dem schlechten Gewissen, wenn „Nein“ gesagt wird und Grenzen gezogen werden?

Für betreuende Partner ist es eine schwierige Situation: Der Partner verändert sich durch die Demenz von der ganzen Persönlichkeit her. Die Beziehungsdefinitionen stimmen nicht mehr. Aus einer vielleicht liebenden Beziehung auf gleicher Ebene wird eine unsymmetrische Beziehung, in der es um Hilfe, Abhängigkeit und Angewiesen-Seins geht. Betreuende Partner schildern oft einen Weg des langen Abschieds und endlosen Trauerns. Die Akzeptanz der Krankheit und der Umgang mit den Symptomen der Krankheit stellen oft einen längeren und schmerzvollen Weg dar.

Für die sorgenden Kinder ist es oft schwierig die Eltern diesen Weg gehen zu lassen. Eine Antwort an die Mutter wie die folgende braucht oft einen längeren Auseinandersetzungsprozess:  „Mutter es ist deine Entscheidung, ich kann dir nur begrenzt helfen, die Grenze deiner Belastbarkeit musst du herausfinden. Es schmerzt mich dich leiden zu sehen, Euch leiden zu sehen, aber da gibt es einen Teil, den ich Euch nicht abnehmen kann!“

Die Erfahrungen aus vielen Beratungen zeigen, dass es da oft notwendig ist auf die Beziehungsgeschichte mit den Eltern genauer hinzuschauen und manches Ungelöste zur Sprache zu bringen, damit die Beziehung zu den Eltern eine neue Grundlage bekommt. In jedem Fall ist es gut mit der eigenen lähmenden Hilflosigkeit nicht alleine zu bleiben. Und vielleicht doch eine Beratungsstelle aufzusuchen.

Text: Martin Eilmannsberger
Psychosoziale Beratung an der Servicestelle für pflegende Angehörige

Unterstützung und Beratung finden Sie

  • persönlich: bei der Servicestelle für Pflegende Angehörige in Linz, Grieskirchen, Rohrbach oder Vöcklabruck (Oberösterreich).
    Wir bitten Sie um Terminvereinbarung unter 0676/8776 – 2440
  • telefonisch: bei der Servicestelle für Pflegende Angehörige unter 0676/8776 – 2440 (Österreich)
  • online unter http://www.pflegende-angehoerige.or.at/beratungsangebote/online-beratung/

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