Ausgleich von Geben und Nehmen

P1000329„Meine Mutter bedankt sich nie für das, was ich für sie tue! Dabei investiere ich soviel Energie und verbringe oft Stunden bei ihr, sie jammert immer so alleine zu sein. Es kommt von ihr nichts zurück, alles ist selbstverständlich und nie ist es genug. Das kränkt mich zunehmend mehr!“ erzählt ein Dame in der Beratung.

Ein genauerer Blick auf die Beziehungsgeschichte der beiden Frauen zeigt, dass die Tochter immer unter mangelnder Anerkennung durch die Mutter gelitten hat: „Ich konnte es nie richtig machen, ich war nie schön  oder intelligent genug, habe den falschen Beruf und dann den falschen Partner gewählt, mein Bruder dagegen war für sie immer alles!“

Ein Thema, das in den Beratungen immer wieder auftaucht: Über die Pflege und Betreuung wird noch einmal versucht, von den Eltern das Ersehnte zu bekommen: Liebe, Anerkennung – aber gerade an dem Punkt ist es dann für die Eltern noch schwieriger, das Versäumte zurückzugeben – sie sind beschäftigt mit Gebrechen, Schmerzen und dem Thema des Trauerns um das Leben.

Bei genauerem Hinsehen auf die Lebensgeschichte der Mutter, wird sichtbar, dass die Mutter das gleiche Schicksal hatte: Sie wurde als Kind früh von der Mutter weggegeben und kinderlosen Verwandten überlassen – eine Kränkung, die die Mutter Zeit ihres Lebens beschäftigte. Die Mutter konnte der Tochter nicht geben, was sie nicht erhalten hatte.
Diese Erkennntnis war der Beginn eines veränderten Zugehens der Tochter auf die Mutter. Sie lernte anders mit den Erwartungen der Mutter umzugehen, nahm sich auch zeitlich in der Betreuung zurück – ohne die Mutter im Stich zu lassen.

Auch in einer Pflegebeziehung braucht es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen. Auf die Dauer darf das Gefühl zu kurz zu kommen nicht da sein. Für die Dame war es wichtig, das Gefühl der Kränkung wahr- und ernstzunehmen und genauer hinzusehen. Kränkungen dieser Art machen sonst auf die Dauer wirklich krank.

Text: Mag. Martin Eilmannsberger
Psychosoziale Beratung für pflegende Angehörige

3 Gedanken zu „Ausgleich von Geben und Nehmen

  1. Das Verhältnis vom Geben und nehmen in der Beziehung pA wird nie ausgewogen sein, hier, so denke ich, irrt der Meister der Psychologie, Ich widme meiner geliebten Gattin seit drei Jahren nahezu jede Minute des Tages. Meinen Anspruch „mit mir allein zu sein“, erfülle ich mir in den Nächten, wenn sie schläft. Einen Dank und eine besonderes Zurückgeben meiner tgl. Zuwendung erwarte ich nicht, sie wird es eh nicht können, dafür sind die Auswirkungen ihrer Erkrankung zu schwer. Da sie bislang auch nicht sprechen kann, erfahre ich überhaupt viel zu wenig ihrer Befindlichkeit, obwohl wir mehr als 40 Jahre zusammen leben. Einiges läuft über die nonverbale Kommunikation, doch eben auch mit jenen Missverständnissen, die dieser Kommunikation innewohnen. Die Liebe, die uns in der Vergangenheit in all ihren Fazetten miteinander verband, äußert sich nur sparsam, von ihrer Seite aus betrachtet.
    Doch wenn der eine Partner bereit ist nicht die Waage für das Geben und Nehmen der Liebe zu benutzen, eben weil es Liebe ist, die beide miteinander verbindet, dann ist auch nicht erforderlich, dass immer von beiden Seiten ausgeglichen „geliefert“ wird.

    • Da muss ich Ihnen widersprechen und ich glaube schon, dass eine Beziehung aus Geben und Nehmen besteht und man nicht nur einseitig geben kann: eine schmerzliche Erfahrung in meinem eigenen Leben. Die Beziehung zu meinem Mann war nur in den ersten zwei Jahren gut. Dann gab es für ihn nur mehr die Arbeit und danach ist er seinen Interessen und Hobbys nachgegangen, für die Kinder war ich da. Ich fühlte mich damals ziemlich zu kurz gekommen, aber aus Pflichtgefühl heraus und der Kinder wegen blieb ich bei ihm. Er hat dann lange eine Freundin gehabt und auch kein Geheimnis daraus gemacht. Ich habe mir halt dann meine Nischen gesucht – einen Ausgleich für mich. Dieses Übereinkommen hat dann auch funktioniert bis er vor ein paar Jahren die Diagnose Demenz erhielt. Jetzt bin ich immer mehr für ihn da, kann ihn keine Minute aus den Augen lassen, bin richtig angehängt. Zuerst war es nur das alt bekannte Gefühl zu kurz zu kommen, ausgenützt zu werden und jetzt steigt in mir die Missstimmung und die Wut. Ich fühle mich manchmal richtig leer und erschöpft.
      Sie lieben ihre Frau und blicken auf eine lange gemeinsame Zeit zurück, wo sie einander viel gegeben haben. Ich beneide sie fast um diese Liebe, die sie auch durch diese schwere Zeit trägt und verstehe, dass sie sich nicht fragen „Und wo bleibe ich?“
      Für mich stellt sich schon die Frage, wie lange ich noch geben kann, für ihn da sein kann. Renate

  2. Es scheint mir kein Widerspruch zu dem zu sein, was ich schrieb, aber ich hätte vermerken sollen, dass es – dieses Verhältnis von Geben und Nehmen- so verschieden ist, wie es unterschiedliche Verhältnisse und Beziehungen gibt. Ihre Frage am Ende des Kommentars kann ich sehr gut verstehen, aber sie entspricht dem was Sie mit Ihrem Partner erlebten. So war ihre Beziehung ja offenbar mehr ein Kompromiss von Ihrer Seite aus. Woher nehmen Sie denn heute dieses Pflichtgefühl, an der Seite jenes Menschen auszuhalten? In Ihrem Interesse scheint es richtiger, dass Sie sich entscheiden ein Stück weit noch ein eigenes Leben zu beginnen. Was die Menschen in ihrem Umfeld dazu meinen, sollte Ihnen gleich sein, vielleicht können ja auch die Kinder einspringen, aber mir scheint einer solchen Bezie2hung, wie Sie sie erlebten, bringt wohl kaum Kinder hervor, die sich nun „selbstlos in die Bresche werfen“. Dann sollte der Weg in die Heimpflege gesucht und gefunden werden. So hart eine solche Entscheidung sein mag, sie ist in Ihrem Interesse notwendig, sonst könnten sie an der Frage zerbrechen, wie lange Sie diese Last noch ertragen können. Ich wünsche Ihnen Kraft und Mut zur Entscheidung!

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