„Mama, wie hältst du das aus?“

20141130_094930HAAG. Wenn ein 87-jähriger Mann nachts nach seiner Mutter ruft, wenn der schwer an Demenz Erkrankte im Haus herumgeistert, wenn der Tagesablauf komplett nach seinen Bedürfnissen ausgerichtet wird und es keine Privatsphäre mehr gibt  – wie hält man das als pflegender Angehöriger aus?

Solche und ähnliche Situationen kennt Elfi Stichlberger bestens. Sie leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara Arminger seit Jänner 2012 den Caritas-Treffpunkt für pflegende Angehörige in Haag. Einmal im Monat treffen sich hier Menschen, um über ihre Lebenssituation zu sprechen, sich auszutauschen, Tipps zu holen, gemeinsam zu lachen und manchmal auch zu weinen.

Eine Teilnehmerin – sie möchte anonym bleiben – pflegt seit fünf Jahren ihren an Demenz erkrankten Schwiegervater. Gerade als ihre Kinder die Ausbildung abgeschlossen hatten und sich die Kinderbetreuungszeit dem Ende zu neigte, wurde aus dem „Besuchsopa“ von einem Tag auf den anderen ein „Dauergast“. Es war eine Umstellung für die ganze Familie, doch die Hauptlast trug und trägt die Schwiegertochter. Mittlerweile ist sie selbst Großmutter. „Leider habe ich für meine Enkel viel zu wenig Zeit“, sagt sie nachdenklich. „Meine Kinder nehmen Rücksicht, weil sie wissen, wie kräfteraubend die Pflege ist, doch die Zeit mit den Kleinen kann ich nie wieder aufholen.“

Auch kann der 87-Jährige nicht mehr alleine gelassen werden. „Man weiß nie, was ihm einfällt. Manchmal möchte er Most holen, oder er spaziert einfach zur Tür hinaus und findet nicht mehr zurück, “ so die Schwiegertochter. Dazu kommt, dass durch die Demenz keine Gespräche mehr möglich sind. Besonders für ihren Mann ist es schwer, wenn der eigene Vater fragt: „Wer bist denn du?“.

Ihr Freundeskreis ist in den letzten Jahren sehr klein geworden, weil die Zeit zur Pflege der Freundschaft fehlt und es die Situation meist auch nur schwer zulässt. „Niemand, der nicht in dieser Situation steckt, kann nachempfinden, was das bedeutet“, weiß Elfriede Stichlberger aus Erfahrung. „Zu Hause gibt es kein ungestörtes Treffen, weil der Schwiegervater natürlich immer da ist, und aus dem Haus zu gehen bedeutet jede Menge Organisation. Da muss man öfter Einladungen absagen, und irgendwann fragt dich keiner mehr“, bestätigt die Schwiegertochter.

Wie sie es trotzdem schafft? Mit Unterstützung – durch Tagesbetreuung, mobile Pflegedienste und die Caritas-Treffpunkte für pflegende Angehörige. „Diese Treffpunkte haben mir am meisten geholfen. Mich hat ja niemand verstanden, nicht einmal mein Mann. Es hieß immer: ‚Er ist ja eh so brav, stell dich nicht so an. ‘ Beim Treffpunkt endlich wurde ich verstanden – und ich habe hier einen neuen Freundeskreis dazugewonnen.“ Dass sie ihr Leben durch den Opa umstellen und gewissermaßen entschleunigen musste, empfindet sie aus einer anderen Perspektive als sehr wertvoll. „Ich war zuvor immer in Eile, doch damit kommt man bei einem Demenzkranken nicht weit“, erzählt sie.

Informationen zu weiteren Treffpunkten und Angeboten für pflegende Angehörige
der Caritas Servicestelle Pflegende Angehörige finden Sie unter:
www.pflegende-angehoerige.or.at

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