Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen: „So wars nicht geplant“

Meine Mutter vollendete kürzlich ihren 95er. Ihr Geschenk von uns war, dass wir sie tagebuchzum Essen „ausführten“. Und weil der Tag ein besonderer war, sollte auch das Lokal Außerordentliches bieten. Wir entschieden uns für das Aerest in Hörsching. Meine Enkelin holte ihre Urli – ich blieb bei Burli (Ururenkel).

Als Mutter kam, überraschte mich ihr Äußeres: Fahler Teint u. der Blick irgendwo in unergründlicher Region…

Beim Eingang zum Flughafen teilte uns ein Herr mit, dass der Aufzug schon zwei Wochen außer Betrieb ist. Neiiiiiiiiiin…! Trotzdem schafften wir es – mit vereinten Kräften – Mutter die Stiegen hochzubringen. Endlich bei der Restauranttür angelangt, stand dort zu lesen: Ab 11:30 offen. Na toll, jetzt war es 11:20 und…. im ganzen Obergeschoß kein Sessel im Blickfeld. So bemühten wir Mutter wieder bis zur Stiege. Auf einer Stufe sitzend, verbrachte Mutter die unangenehme Wartezeit. Sie sprach eigentlich sehr, sehr wenig. Für ihren Ur-Ur-Enkel hatte sie hin u. wieder ein Lächeln übrig.

Endlich auf dem Restaurant-Sessel Platz genommen, genoss sie die Aussicht auf zwei Flugzeuge u. die Sonnenstrahlen, die durch die Riesenscheiben außerdem wärmten. Essen? So konnte man Mutters Herumstochern in den Speisen wirklich nicht nennen. Sie brauchte tatkräftige u. mentale Unterstützung hierfür

Nach dem Essen mussten wir die Stiegen mit Urli wieder hinunter gehen. Bis zur 3. Stufe ging sie. Auch diese paar Schritte glichen einem Hindernislauf. Plötzlich – so war mein Eindruck – wusste Mutter nichts mehr mit Ihren Beinen anzufangen. Jetzt war guter Rat mehr als alles Gold der Erde wert!!! Ich bemühte mich beim AUA-Schalter um einen Tragsessel. Man bot mir – freundlich wäre anders gewesen – an, einen Sanitäter zu holen. Das diesbezügliche Herumtelefonieren zerrte immens an meinen angespannten Nervenkostüm. Unverrichteter Dinge ging ich wieder zur Enkelin. Die rief mittlerweile das Rote Kreuz zwecks Hilfe an. Es erschien tatsächlich ein Sanitäter. Er frage mich, was er hier soll. Er ist auch alleine zum Helfen. Ich erläuterte ihm die Situation. Wahrscheinlich meinte er es gut in seiner Antwort, die lautete: Wenn ich den Notarzt hole u. den Hubschrauber müssen Sie es selber zahlen. Mutter sah zwar blass aus, war aber keinesfalls für den Notarzt. Die Situation war angespannt. Trotzdem gab ich nicht klein bei. Und siehe da, jetzt erfolgte die Lösung: Ein Kollege des Rotkreuz-Mitarbeiters brachte einen Tragsessel. Darauf wurde Mutter festgeschnallt. So getragen, gelangte sie heil zum Auto.

Als meine Enkelin ihre Urli (nach den wirklichen Strapazen) ins Bett brachte und vom Ausflug nochmals mit ihrer Urli redete, war alles Geschehene in der Versenkung entschwunden. Bis zum abendlichen Anruf im Senioren-Wohnheim fand ich keine Ruhe an diesem Tag. Am Abend teilte mir die Stationsschwester mit, dass es Mutter gut gehe. Nur wird sie halt von Tag zu Tag „müder!“ Gott weiß, was damit gemeint ist….

Und ich ärgere mich bis heute, dass u. warum ich am Aerest Hörsching festhielt. Ich wollte Mutter Freude und keine unliebsame Überraschung, schon gar keine Schmerzen bereiten. Sofern es einen 96er gibt, wird ALLES anders – das weiß ich heute schon!

Dass die Sonnenstrahlen unser aller Dasein „erwärmen“  wünscht Ilse, Tagebuchschreiberin und pflegende Angehörige

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