Das langsame Vergessen: Erfahrungen Angehöriger von Menschen mit Demenz

In unserer Reihe „Das langsame Vergessen“ erzählen betreuende und pflegende Angehörige von ihren Erfahrungen mit an Demenz erkrankten Angehörigen.

PAULA BildFoto: Pawloff

Meine Mutter war bereits mit 74 Jahren auf dem Weg ins Vergessen. Sie kannte uns vier Kinder nicht mehr und lebte eine Zeitlang bei einem meiner Brüder bis wir keine Möglichkeit mehr sahen die daheim zu betreuen.

Da ich sehr weit weg von meinem Heimatort lebte, war ich nicht in die tägliche Betreuung eingebunden, sondern machte sozusagen „Urlaubvertretung“. Aus der Entfernung konnte ich daher sehr gut die verschiedenen Verhaltensweisen meiner Geschwister beobachten. Mein Bruder, bei dem sie lebte, konnte aufgrund seiner ruhigen und empathischen Art gut mit ihr umgehen. Bei ihm wirkte sie relativ zufrieden. Meine Schwester fand den „Zustand“ der Mutter bejammernswert und war immer aufgeregt, wenn sie auf Mutter aufpassen sollte. Bei ihr war Mutter immer unruhig und wollte ständig nach Hause. Mein ältester Bruder war völlig überfordert, weil er durch rationale Vorgangsweise versuchte ihr zu erklären, warum sie still sein, schlafen oder essen sollte. Das machte die, an und für sich, friedliche Frau fast aggressiv.

Wenn ich allein mit ihr in der Wohnung meines Bruders war, wollte sie immer weg, weil ich für Sie ein Fremder war, dessen Gesicht ihr nicht vertraut war und ich obendrein im Gegensatz zu meinem Bruder einen Bart trug.

Oft beruhigte sie sich, wenn ich kochte und sie bei mir in der Küche war. Sie schaute mir nur zu. Wahrscheinlich war ihr das vertraut, weil sie ihr ganzes Leben eine große Familie versorgen musste. Wenn ich ein größeres Stück Fleisch briet, hielt sie das für verschwenderisch und äußerte sich sehr ermahnend. Da in Kindertagen nicht so viel Geld da war, konnte ich das nachvollziehen, weil sie immer sparsam sein musste. Also erklärte ich ihr, dass die Mahlzeit für zwei Tage war. Dann war es in Ordnung für sie.

Diese Angst um zu wenig Geld, zeigte sich auch darin, dass sie ständig mindestens € 300.- im Nachkastl haben musste. Das gab ihr wohl Sicherheit, weil es immer ihre Aufgabe gewesen ist, das Geld so einzuteilen, dass auch am Monatsende genügend da war. Sie bekam Panik, wenn das Geld nicht da war, weil sie es versteckt hatte, aber nicht mehr wusste. Mein Bruder und ich legten sofort wieder ein paar Scheine ins Kastl und dann war es gut. Wir haben immer das Versteck gefunden, meistens im Kleiderschrank, wo sie es auch zu unseren Kinderzeiten immer wieder „zwischenlagerte“.

Den größten Beweis Ihres Vertrauens zu meinem Bruder zeigte eine Frage an ihn, als sie schon im Pflegeheim war: „Sie sind doch immer so nett zu mir. Können Sie mir einmal sagen, wie es mir hier gefällt?“ Als mein Bruder dann meinte: „Gut gefällt es Dir hier.“, hat sie ihn angeschaut und gesagt: „Sehen Sie, und das habe ich gewusst.“ Sie holte sich wie ein unsicheres Kind eine Bestätigung wie von den Eltern.

Je ruhiger man auf sie reagierte, umso ruhiger wurde sie.

Dieser persönliche  Erfahrungsbericht zeigt auf, wie sehr demente Menschen Sicherheit in der Vergangenheit finden können. Diese Mutter kann sich wieder entspannen, wenn die Geldreserve am richtigen Platz ist oder sparsam mit dem Fleisch umgegangen wird.  Und obwohl die Mutter ihren Sohn nicht mehr erkennt, braucht sie seine Rückbestätigung, dass es ihr gut geht, um sicher zu sein.

 

Einen herzlichen Dank an unsere ehrenamtlicher Blogschreiber für diesen Beitrag!

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Pflegender Angehöriger und berufstätig? Wie geht es weiter?

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Buchtipp: Tipps und Grenzen für Beschäftigung und Training mit Menschen mit Demenz – ein Ratgeber für Angehörige.

Viele Angehörige betreuen zu Hause einen Menschen mit Demenz. Dabei möchte man Betroffene bestmöglich fördern.

Doch wie gelingt das und welche Möglichkeiten gibt es?

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Der Ratgeber der MAS Alzheimerhilfe ist ein praxisorientiertes Nachschlagewerk für alle, die sich mit Beschäftigungs- und Trainingsmöglichkeiten mit Menschen mit Demenz auseinandersetzen möchten.

Ein theoretischer Input zum Krankheitsbild zu Beginn des Buches liefert eine wertvolle Grundlage, um Betroffene besser verstehen und ein Beschäftigungsprogramm bestmöglich gestalten zu können. Ziel der Beschäftigung ist die Förderung der noch bestehenden Fähigkeiten der Betroffenen und somit die Steigerung des Selbstwertgefühls. Das gezielte Üben fördert zudem die Selbstständigkeit und Zufriedenheit der Betroffenen. Der Ratgeber enthält hierzu einen sehr umfassenden und anschaulich gestalteten Übungsteil. Angefangen von Wortspielen, Sprichwörtern, Suchbildern bis hin zum Liedertitel raten – es finden sich zahlreiche Anregungen für die Beschäftigung zu Hause für jedes Stadium der Demenz.

Neben den Möglichkeiten zur Förderung und Beschäftigung von Betroffenen zeigt der Ratgeber jedoch auch sehr realitätsnah auf, wo die Grenzen des Trainings liegen. Denn nicht immer gelingt das Training zu Hause und so ist diesem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet.

„Motivieren. Aktivieren. Stärken. Tipps und Grenzen für Beschäftigung und stadiengerechtes Training mit Menschen mit Demenz“ ist ein sehr gelungener Ratgeber mit hohem Praxisbezug, der auf alle wichtigen Aspekte des Trainings und der Beschäftigung mit Menschen mit Demenz eingeht.

Erhältlich ist der Ratgeber im Facultas-Verlag: https://www.facultas.at/list/9783708916040