Quellen der Kraft – in der Betreuung und Pflege: Teil 2

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Ich möchte Ihnen heute das Ressourcentagebuch bzw. Dankbarkeitstagebuch vorstellen. Es ist eine Möglichkeit um mit den eigenen versteckten Kraftquellen in Kontakt zu kommen.

Zuerst besorgen Sie sich am besten ein eigenes schönes Tagebuch (Notizbuch) und nehmen sich am Abend ein paar Minuten Zeit folgende Fragen zu beantworten. Denken Sie nicht viel darüber nach, sondern schreiben Sie einfach auf was Ihnen in den Sinn kommt.

– Was war heute gut und angenehm?
– Was habe ich heute für mich getan?
– Wofür bin ich heute dankbar?

Machen sie das für die nächste Woche täglich. Nach einer Woche stellen Sie sich selbst die Frage, wie es Ihnen gegangen ist und welches Gefühl Sie hatten während dem Aufschreiben.

„Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du brauchst.“
Marc Aurel

 

 

Willkommen Mutter – eine ehemalige pflegende Angehörige blickt zurück

photo-album-235603_1920In meinem Leben hielt das Thema Pflege und Demenz Einzug, als meine Schwester und ich 2003 nach zuvor stunden- oder wochenweiser Betreuung entschieden, unsere damals 89-jährige Mutter nach deren schweren Sturz und der zunehmenden Verwirrtheit in meinen Haushalt aufzunehmen und sie gemeinsam abwechselnd zu pflegen und zu begleiten. Dies sollte bis zu ihrem Tod 2010 dauern.

Die Erinnerungen und die dazugehörigen Gefühle verblassen allmählich.
Was bleibt, ist Dankbarkeit, da ich heute die Betreuung als einen Meilenstein meiner persönlichen Entwicklung sehe.

Anfangs wollten wir das immer größer werdende „Vergessen“ unserer Mutter selbst vergessen. Es machte uns Angst. Auch ihr körperliche Verfall und in der Folge die Stürze. Wir bemühten uns zunehmend, ihr noch ein wenig eigenständiges Leben zu ermöglichen, sie in unseren Haushalt einzubinden und ihr unermüdlich ihre wiederkehrenden Fragen zu beantworten.

Die Ungewissheit, wie lange diese Phase dauern würde und das Gefühl der Unentrinnbarkeit machte uns manchmal auch verzweifelt, ausgebrannt und leer. Angst und Mitgefühl wechselten einander ab. Die Phasen, in denen Mutter sich gegen jede Art von Hilfestellung wehrte, erzeugte in uns wiederum Ungeduld und Aggression. Schuldgefühle waren die Folge. Wir durften unsere Mutter doch in ihrem harten Schicksal nicht alleine lassen!

Allmählich wurde die Gegenwehr von Mutter schwächer, es brauchte in ihrem Leben keine Normen mehr und sie freute sich über die liebevolle Umsorgung. Auch wir wurden toleranter und gelassener. Ein Austausch von Zärtlichkeiten und Berührungen wurde zugelassen, das früher nicht möglich gewesen wäre. Es konnte eine Einheit zwischen dieser „Dreierbeziehung“ entstehen, die heute noch trägt.

Der Besuch einer kleinen Gesprächsgruppe für pflegende Angehörige der Caritas in Linz, in der wir von den zwei Betreuerinnen Hedwig und Sophia viel Hilfestellung bekamen, machte uns sicherer. Auch der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen war eine Bereicherung. Nicht zuletzt brachte ein Validationskurs ganz viel nötiges Wissen um das Thema Demenz und dem Umgang mit dementen Menschen.

Zunehmend erlebten wir das Leben mit unserer Mutter als Bereicherung. Diese Lernaufgabe ist oft nicht gleich zu erkennen. Es war eine Herausforderung, in ihre Welt einzutauchen. Absichtsloses Beobachten entstand. Unsere Bereitschaft nahm zu, den geistigen und körperlichen Sterbeprozess mitzuerleben. Und doch war die letzte Zeit eine Zeit von Wehmut des ständigen Abschiednehmens. Wir erhielten so viel Zuwendung und Dankbarkeit von ihr und durften ihr diese wieder geben. Ja, sie wurde der Mittelpunkt, die gute Seele unserer Wohnung. So konnte der Kreislauf des Lebens wieder dort aufhören, wo er begonnen hat. In der Familie. Danke Mutter!

Herzlichen Dank an Marianne Nagenkögel, ehemalige pflegende Angehörige, für diese Rückschau!

Erinnerungen einer pflegenden Angehörigen

tontopfWas ich alles noch nicht wusste als ich mich entschloss,
meinen Schwiegervater zu pflegen:
Ich wusste nicht,
dass ich um Hilfe bitten und Hilfe annehmen musste.
Ich wusste nicht,
dass ich ganz allmählich mit Hilfe der Schwester in den Pflegedienst eingeführt worden bin.
Ich wusste nicht,
dass ich meinen Schwiegervater anfassen kann, was mir anfangs sehr schwer fiel.
Ich wusste nicht,
dass ich froh bin, meinen Schwiegervater pflegen zu können.
Ich wusste nicht,
dass ich meine Ekelgefühle überwinden kann.
Ich wusste nicht,
dass es mich belastet wenn er keinen Wunsch äußert und
ich ihm alles von den Augen ablesen muss.
Ich wusste nicht,
dass ich mir vergebens wünsche, er würde ein wenig Dankbarkeit zeigen.
Ich wusste nicht,
dass ich hinter jedem Nicht – Mithelfen, z.B. beim Betten, ein Nicht – Wollen
vermute und nicht ein Nicht – Können.
Ich wusste nicht,
dass ich oft darunter leide, dass ich meinen Schwiegervater zwar pflegen,
aber nicht liebevoll pflegen kann.
Ich wusste nicht,
dass mein Mann und meine Kinder mir so viel abnehmen,
wenn ich sie darum bitte.
Ich wusste nicht,
dass unsere engsten Verwandten zwar wissen, wie es bei uns aussieht, aber uns
nie ihre Hilfe anbieten.
Ich wusste nicht,
dass meine Gefühle zwischen Trauer und Freude, Mitleid und Hass,
Dankbarkeit und Zorn hin und her pendeln würden.
(gefunden unter http://www.ostalbkreis.de/sixcms/media.php/91/vortrag_dolzer.pdf)

„Tante Resi kennt sich aus“ – Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen

Fotolia_47287990_XSIch habe den heutigen Tag als Beginn für die Tagebucheintragung gewählt, da es für meine Tante Resi und mich ein schöner und erlebnisreicher Tag war, mit einer kleinen Reise in die Vergangenheit.

Ich habe ihre zwei Schulfreundinnen – beide schon im 87. Lebensjahr – zum gemeinsamen Nachmittagsplauscherl eingeladen. Unsere Tante Resi findet sich ja aufgrund ihrer Demenz in der Gegenwart mit den Personen und Tagesabläufen nicht mehr zurecht, doch bei Gesprächen von “Früher”, da kennt sich Tante Resi aus. Das ist das Unglaubliche an diese Krankheit, dass sie ihre engsten Angehörigen nicht mehr zuordnen können und nicht wissen, welcher Tag oder welches Monat ist, sich jedoch an die Kindheit und Jugend noch sehr genau erinnern können.

Der Nachmittag war auch für mich ganz unterhaltsam – und manchmal habe ich mich nicht mehr ausgekannt – wenn sie von 2 – 3 Generationen erzählten, wer wen geheiratet hat und mich dann Tante Resi plötzlich gefragt hat: „Kathi (das war ihre Tante, die vor 30 Jahren gestorben ist), weißt du das nicht mehr?“ Dann habe ich meiner Tante wieder zum x-ten Mal erklärt, dass die Kathi schon längst gestorben ist und ihre Antwort war wie immer – „Ach, ich habe sie gestern aber noch gesehen.“

Das Berührendste bei so einem Treffen von meiner Tante mit ihren Bekannten ist für mich immer, wenn sie sich voneinander verabschieden. In so einem Händedruck liegt so viel Herzlichkeit und Dankbarkeit, dass sie sich wieder einmal sehen durften und zugleich die Hoffnung, dass es nicht das letzte Mal war. Natürlich werde ich mit Lob und guten Wünschen überschüttet, dass ich ihnen diesen Nachmittag ermöglicht habe. Es bereitet auch mir immer eine große Freude, wenn ich sehe, wie zufrieden und glücklich sie nach so einem Nachmittag sind.

Als ich dann beim gemeinsamen Abendessen meiner Familie vom Nachmittag erzählt habe, hat mich Tante Resi ganz erstaunt gefragt, warum ich ihr nicht gesagt habe, dass ihre Schulfreundinnen kommen – sie hätte sie doch auch so gerne gesehen. Ich habe ihr dann erzählt, dass sie sich doch den ganzen Nachmittag so gut mit ihren Freundinnen unterhalten hat – ja, da war sie dann wieder ganz zufrieden (zumindest für die nächste Stunde). Ich weiß auch schon, dass sie mich sicher nächsten Morgen fragen wird, wann endlich wieder einmal Besuch kommt – und ich werde ihr wieder zum x-ten Mal die gleiche Antwort geben. Das ist einfach das Schwierigste und die größte Herausforderung bei der Pflege von Personen mit Altersdemenz, dass man einfach immer wieder die gleichen Fragen beantworten muss, ohne dabei die Geduld zu verlieren (gelingt nicht immer).

So zum Abschluss hoffe ich, dass Tante Resi eine ruhige Nacht verbringt und uns durch ihr Herumpoltern nicht ständig aufweckt.

Elfriede, Tagebuchschreiberin und pflegende Angehörige