Ausnahmezustand

Blumen_Kreiner-Hofinger

Der Glaube gibt uns die Kraft,

tapfer zu tragen, was wir nicht

ändern können,

Enttäuschungen und Sorgen

gelassen auf uns zu nehmen,

ohne je die Hoffnung zu

verlieren.

MARTIN LUTHER KING

 

 

Foto: Kreiner-Hofinger

Die letzten Sonntage waren Sonntage wie schon lange nicht mehr. Kein Messbesuch, kein Familientreffen mit großem Aufkochen, einfach nur Ruhe. Ungewöhnlich, aber ertragbar. Mein Mann und ich fallen in die Kategorie der Risikogruppe, also heißt es zu Hause bleiben. Am meisten fehlt uns der direkte Kontakt zu unseren Kindern und den drei kleinen Enkelkindern, die keine Ahnung haben was da passiert.

Die regelmäßigen Besuche bei meinem Bruder im Pflegeheim fallen auch schon seit längerem aus. Die strengen Besuchsverbote sind vollkommen richtig und wichtig, aber es fehlt einfach was, im geregelten Wochenalltag. Laut Telefon nimmt mein Bruder die Situation mit Gelassenheit, das beruhigt einigermaßen. Ich habe nach außen nur Kontakte über Telefon und andere Medien, zu Nachbarn über den Gartenzaun und spazieren gehe ich alleine.

Was macht dieses Virus grad mit uns?? Wie geht es all den Menschen da draußen die auf fremde Hilfe angewiesen sind?? Hoffentlich gibt es in Ihrem Umfeld Menschen, die trotz aller Widrigkeiten bereit sind zu helfen.

Liebe Pflegende Angehörige, wahrscheinlich würdet ihr gerade in dieser schwierigen Zeit noch mehr Unterstützung brauchen, nehmt alles was ihr kriegen könnt an. Auch wenn es nur das Bedürfnis nach einem Gespräch ist, es gibt auch telefonisch die Möglichkeit Sorgen und Ängste zu teilen. Lasst euch nicht von der Angst leiten, Vorsicht—Hausverstand und ein bisschen Gottvertrauen sind jetzt gefragt. Ich wünsche allen Pflegenden Angehörigen Kraft und Stärke, um diese Krise gut durchzustehen.

Wir danken Hedwig für diesen Beitrag, eine unserer ehrenamtlichen BLOG – Schreiberinnen.

Bleiben Sie mit Ihren Sorgen nicht alleine…

plants-1282997_1920Ein chinesischer Bauer hatte seine Reispflänzchen zur rechten Zeit in den Boden eingebracht und versäumte keinen Morgen, zum Feld zu gehen und nach dem Gedeihen der noch zarten Halme zu schauen. Die Voraussetzungen waren gut: er hatte gedüngt, fleißig gewässert und auch die Pflanzen sicher und fest im Boden eingedrückt. Die Sonne schien, und die Luft war lau und mild.

Zwei Wochen gingen ins Land, der Bauer wurde ungeduldig. Die Pflanzen schienen ihm nur wenig größer geworden zu sein. Er suchte ein Mittel, den Trieb zu beschleunigen. Da kam ihm eine Idee: Täglich zog er ein bisschen an den Halmen. Als er aber am siebten Tag aufs Feld kam, was musste er sehen? Die Pflänzchen lagen welk und entwurzelt im Wasser und er musste mit seiner Arbeit von vorne beginnen.

Ein Ihnen nahe stehender Mensch ist erkrankt oder alt und pflegebedürftig. Für Sie ist es eine Selbstverständlichkeit, ihm zu helfen. Seien es die eigenen Kinder, der langjährige Lebenspartner, mit dem Sie vielleicht gemeinsam Kinder groß gezogen haben, Ihre Geschwister, ein Eltern- oder Geschwisterteil, Großmutter oder Großvater – Sie verbindet wahrscheinlich ein tiefes Verantwortungsgefühl füreinander und eine gemeinsame Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen.

Gleichzeitig tragen Sie die Verantwortung für Ihr eigenes Leben. Sie stehen vielleicht mitten in der Ausbildung, im Beruf, haben Kinder, die Sie brauchen, sind vielleicht selbst bereits nicht mehr so fit, etc. Nicht nur für die pflegebedürftige Person verändert sich das Leben, es stellt auch Ihr Leben und die Lebenspläne der ganzen Familie auf den Kopf. Alles muss überdacht und anders organisiert werden. Viele Kompromisse müssen für eine unabsehbare Zeit eingegangen werden. Pflegende Angehörige müssen täglich, oft über einen langen Zeitraum, sowohl körperlich als auch seelisch enormen Belastungen standhalten.

Schnell kann sich der/die Pflegende dabei selbst in einer Situation wiederfinden, in der die Herausforderung zur Überforderung wird. Der Übergang ist meist fließend und vollzieht sich oft unbemerkt. Sie selbst werden zum „Reispflänzchen“ an dem stetig gezogen wird oder vielleicht ziehen Sie auch selbst permanent an sich, bis es eines Tages einmal zu viel ist.

Bleiben Sie mit Ihren Sorgen und Belastungen nicht alleine. Mein Name ist Ute Winkler und ich leite Caritas Servicestelle für pflegende Angehörige in Rohrbach. In einem persönlichen und vertraulichen Beratungsgesprächen haben Sie die Möglichkeit, neue Sichtweisen und Handlungsräume zu entwickeln und eigene Grenzen zu erkennen.

Die psychosoziale Beratung an der Servicestelle für pflegende und betreuende Angehörige ist kostenlos und vertraulich. Sie können mich Mo – Fr von 08.00 bis 12.00 Uhr unter der Tel. 0676/8776 2443 erreichen.

Unter www.pflegende-angehoerige.or.at finden Sie Kontaktdaten meiner KollegInnen an allen weiteren Standorten der Caritas Servicestelle Pflegende Angehörige in Oberösterreich.

Eine berechtigte Hoffnung…

Mein Name ist Helene Kreiner-Hofinger. Ich arbeite als Beraterin an der Servicestelle für Pflegende Angehörige in Vöcklabruck (Oberösterreich).

In der Beratung ist das Gespräch mein wichtigstes Werkzeug. Es gibt aber auch andere wertvolle Methoden z.B. die Arbeit mit Symbolen. Immer wieder bin ich fasziniert, wie viel Ausdruck in oftmals ganz einfachen Symbolen steckt und wieviel durch sie zum Ausdruck kommen kann.

Nun habe ich mir überlegt, welches Symbol meinen Zugang zur Beratung am besten beschreiben würde. Was bedeutet Beratung für mich? Was wird durch sie möglich? Wobei kann sie hilfreich sein? Wie erlebe ich Beratung und die Menschen, die zu mir kommen?

Zuerst gingen mir viele Bilder durch den Kopf. Es dauerte eine Weile, bis ich mich für ein Symbol entscheiden konnte. Wie sich in der Beratung Dinge entwickeln dürfen und Entscheidungen reifen müssen, so habe auch ich mir die nötige Zeit genommen. Ich habe mir erlaubt, in Gedanken zu sein und sie wieder zu verwerfen und mich letztendlich zu entscheiden.Im Moment passt dieses Symbol am besten: Mein Symbol für Beratung ist das Licht einer brennenden Kerze.

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Drei Eigenschaften von Licht, die mich besonders ansprechen und Parallelen zur Beratung, wie ich sie sehe,herstellen lassen:

  • Licht leuchtet
  • Licht wärmt
  • Licht strahlt

Auch Beratung leuchtet. Sie leuchtet ein Stück des Weges in der Dunkelheit, die Menschen umgibt, wenn sie in einer Krise sind.

Und Beratung wärmt. Es ist menschliche Wärme die entsteht, wenn ich als Beraterin dem Menschen aufmerksam zuhöre, ihn ernst nehme und verstehe.

Und Beratung strahlt. Sie strahlt für die Menschen Trost und Hoffnung aus, die verzweifelt sind und bei mir Unterstützung suchen.

Es ist eine berechtigte Hoffnung!

In der Beratung nehme ich immer wieder wahr, wie Menschen Verständnis für sich, ihre Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse bekommen. Wie sie Mut entwickeln und individuelle Lösungen für ihre Situation, ihr Leben finden und Neues ausprobieren bzw. umsetzen.

Es ist schön, diese Prozesse zu begleiten und das geht nicht von heute auf morgen. Es darf dauern.

Aber es kann gelingen und für mich ist es immer wieder ein Privileg, dabei zu sein, wenn sich im Leben eines Menschen etwas zum Positiven verändert.

Was kann diese positive Veränderung für die Menschen bedeuten?

Das kann Erleichterung bedeuten, weil eine schwierige Entscheidung getroffen werden konnte.

Oder Entlastung kann spürbar werden, weil die Mobilen Dienste jetzt zwei Mal in der Woche zum Waschen der Mutter kommen -obwohl sie das nicht so gerne hat.

Es kann ein Gefühl von Zuversicht sein, weil die Geschwister einbezogen werden konnten, jetzt in der Betreuung des demenzerkrankten Vaters regelmäßig mithelfen und mann/frau nicht mehr alles alleine schaffen muss.

Beratungsangebote der Servicestelle Pflegende Angehörige

Ich möchte Sie einladen, über die Möglichkeit einer Beratung für sich selber nachzudenken. Es ist kein Mangel und kein Versagen, wenn sich Menschen Unterstützung für eine schwierige und belastende Lebenssituation holen.

Beratung kann Ihnen helfen, wenn

  • Es durch die Pflege zu familiären Konflikten kommt
  • Die Beziehung zum zu Pflegenden angespannt ist
  • Sie sich ausgebrannt fühlen
  • Sie „zu kurz kommen“
  • Alles ausweglos scheint
  • …..

Die Beratung ist kostenlos und vertraulich.

Ich freue mich, wenn Sie sich entschließen, Hilfe in Form von Beratung in Anspruch zu nehmen. Für Terminvereinbarungen bin ich unter der Handynummer 0676 8776 2448 am Mo – Mi – Fr von 8 bis 12 Uhr für Sie zu erreichen.

Unter www.pflegende-angehoerige.or.at finden Sie Kontaktdaten meiner KollegInnen an allen weiteren Standorten der Caritas Servicestelle Pflegende Angehörige in Oberösterreich.

ONLINE-Beratung für pflegende Angehörige

tastaturSie benötigen rasch Antworten auf Ihre Fragen?
Sie möchten Ihre Fragen vertraulich beantwortet wissen?
Sie möchten Ihre Situation einem erfahrenen Berater schildern?

Unsere ONLINE-Beratung:

  • ist streng vertraulich
  • bietet Orientierung und Information
  • bietet eine richtungsweisende Klärung von Situationen
  • wird von einem multiprofessionellem Team durchgeführt
  • ist kostenlos

Ihre Angaben können ausschließlich von unserem Team gelesen werden. Sie erhalten eine Antwort innerhalb von 48 Stunden.

Zur ONLINE-Beratung

Einen Link zur Online-Beratung finden Sie auch auf unserer Homepage www.pflegende-angehoerige.or.at oder auf unserem Blog unter pflegendeangehoerige.wordpress.com/online-beratung/

Erinnerungen einer pflegenden Angehörigen

tontopfWas ich alles noch nicht wusste als ich mich entschloss,
meinen Schwiegervater zu pflegen:
Ich wusste nicht,
dass ich um Hilfe bitten und Hilfe annehmen musste.
Ich wusste nicht,
dass ich ganz allmählich mit Hilfe der Schwester in den Pflegedienst eingeführt worden bin.
Ich wusste nicht,
dass ich meinen Schwiegervater anfassen kann, was mir anfangs sehr schwer fiel.
Ich wusste nicht,
dass ich froh bin, meinen Schwiegervater pflegen zu können.
Ich wusste nicht,
dass ich meine Ekelgefühle überwinden kann.
Ich wusste nicht,
dass es mich belastet wenn er keinen Wunsch äußert und
ich ihm alles von den Augen ablesen muss.
Ich wusste nicht,
dass ich mir vergebens wünsche, er würde ein wenig Dankbarkeit zeigen.
Ich wusste nicht,
dass ich hinter jedem Nicht – Mithelfen, z.B. beim Betten, ein Nicht – Wollen
vermute und nicht ein Nicht – Können.
Ich wusste nicht,
dass ich oft darunter leide, dass ich meinen Schwiegervater zwar pflegen,
aber nicht liebevoll pflegen kann.
Ich wusste nicht,
dass mein Mann und meine Kinder mir so viel abnehmen,
wenn ich sie darum bitte.
Ich wusste nicht,
dass unsere engsten Verwandten zwar wissen, wie es bei uns aussieht, aber uns
nie ihre Hilfe anbieten.
Ich wusste nicht,
dass meine Gefühle zwischen Trauer und Freude, Mitleid und Hass,
Dankbarkeit und Zorn hin und her pendeln würden.
(gefunden unter http://www.ostalbkreis.de/sixcms/media.php/91/vortrag_dolzer.pdf)

Meine Schwiegermutter lässt sich nichts sagen …

Fotolia_48033719_XSErfahrungen aus dem weiten Feld der Begegnung zweier Generationen.
(Aus der Online-Beratung)

Annemarie Aichinger, eine langjährige erfahrene Pflegefachkraft für alte und demente Personen, formuliert für eine verzweifelte Mail-Schreiberin:

„Liebe Frau Michi, Sie schreiben, vor 3 Jahren wurde beginnende Demenz und Depression bei Ihrer Schwiegermutter diagnostiziert.

Ein Medikament gegen die Depression ist sehr oft wirkungsvoll, da die Demenz ansonsten noch verstärkt auftreten könnte. Menschen mit beginnender Demenz ziehen sich immer mehr in ihre eigene Welt zurück und lehnen oft jegliche Hilfe ab. Es bedarf immer wieder eines besonderen Zuganges, dass Hilfsangebote angenommen werden können. Die erkrankte Person soll möglichst nicht das Gefühl bekommen, ihre Kompetenz und Eigenständigkeit würde ihr aus der Hand genommen. Bei dieser Erkrankung spüren die Patienten meist eine sehr große Unsicherheit, die sie aber unbedingt vor anderen verbergen möchten.

Dazu kommt, dass die Sichtweisen, was an konkreter Hilfe notwendig wäre, von privaten und beruflich Pflegenden sehr unterschiedlich sein können.

Das Umfeld von demenzkranken Menschen sollte sie in ihrer eigenen Welt belassen und nicht versuchen, sie aus dieser anderen Welt zu vertreiben oder sie in dieser ihrer Wahrnehmung zu korrigieren. Wir können sie nicht verändern, wir müssen lernen mit ihnen zu leben.

Sie schreiben, dass sich ihre Schwiegermutter von ihnen nichts sagen lässt. Es scheint so, dass Sie somit wenig Möglichkeiten haben, etwas für sie zu tun. Es wäre ein sehr großer Erfolg, wenn es Ihnen gelingt, ein fremdes und widerborstiges Verhalten Ihrer Schwiegermutter nicht persönlich zu nehmen.“

Unsere ONLINE Beratung

  • ist vertraulich
  • bietet Orientierung und Information
  • bietet eine richtungsweisende Klärung von Situationen
  • wird von einem multiprofessionellem Team durchgeführt

Ihre Angaben werden streng vertraulich behandelt und können ausschließlich von unserem Team gelesen werden. Sie erhalten eine Antwort innerhalb von 48 Stunden.

Zur Online-Beratung für Pflegende Angehörige: http://www.pflegende-angehoerige.or.at/beratungsangebote/online-beratung/online-beratung/

„Vom Nein in der Pflege“

Senior woman holding hands with caretakerDas Nein
das ich endlich sagen will
ist hundertmal gedacht
still formuliert
nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
nimmt mir den Atem
wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
und verlässt
als freundliches JA
meinen Mund.
(Peter Turini)

Eine Frau, die schon seit zwei Jahren ihre Mutter betreut, erzählt: „ Meine Mutter beansprucht viel von meiner Zeit. Ich betreue sie gerne, aber in letzter Zeit wird sie immer vereinnahmender und fordernder. Sie macht jedes Mal ein Theater, wenn ich für ein paar Stunden weg muss oder einfach einmal mit einer Freundin auf einen Kaffee gehen will. Einen Abend weggehen ist bereits ein Drama. Ich halte das bald nicht mehr aus, ich spüre eine wachsende Wut auf sie und werde dann mal auch aggressiv. Ich tu mich ganz schwer „Nein“ zu sagen. Wenn ich es dann doch tue und z.B. den Theaterbesuch mache, habe ich hinterher ein so schlechtes Gewissen. Sie tut mir ja so leid mit ihren Handicaps und ihren Gebrechen.“

Ein Blick in die gemeinsame Beziehungsgeschichte lässt das Problem ein wenig besser verstehen. Sie wurde als einziges Kind von der Mutter großgezogen. Der späte Weggang von der Mutter war damals sehr dramatisch und konfliktreich. Schließlich war sie über viele Jahre gleichsam Tochter und Partnerersatz nach dem frühen Tod des Vaters.
Da die Mutter zuletzt immer mehr auf Unterstützung angewiesen war, zog sie in die große Wohnung der Tochter, die seit einiger Zeit wieder alleine lebte. Das Gefühl für das Glück der Mutter verantwortlich zu sein, war wieder ganz stark da, alte Muster traten wieder auf.

Hier brauchte es eine grundsätzliche Klärung der Mutter-/Tochterbeziehung. Erst dann gelang es der Tochter, auch ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und Grenzen zu setzen.

Pflegende Angehörige klagen oft darüber, dass die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der vielfältigen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen zurückgestellt werden. Sie fühlen sich oft wehrlos den überzogen Anforderungen der auf Hilfe angewiesenen Person ausgeliefert. Z.B.: „Du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen, wo es mir so schlecht geht“ – Schon ist der geplante Urlaub dahin. Hilfebedürftigkeit, Mitleid, Einsamkeit können starke Druckmittel darstellen.

Aber auch eine Pflegebeziehung braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz, den Respekt beider Parteien vor den jeweiligen Bedürfnissen des anderen und die Auseinandersetzung darüber, braucht so auch das NEIN.

Text: Mag. Martin Eilmannsberger
(Berater der Servicestelle Pflegende Angehörige, Theologe und Sozialarbeiter)