Für Klarheit sorgen

DSCF3896Eine Schwiegertocher erzählt…

Eigentlich wussten wir – mein Mann ist der einzige Sohn – dass wir uns eines Tages um Vater kümmern müssen. Mein Schwiegervater lebte aber 300 km weg von uns im eigenen Haus. Alles war gut, so lange er fit war, für Wochenend Besuche reichte unsere Beziehung.
Mein Schwiegervater und ich hatten ein sehr gespaltenes Verhältnis, zeitweise hat er kein gutes Haar an mir gelassen, dann wieder alles umgekehrt. Im Laufe der Jahre sind auch viele Verletzungen passiert, jedenfalls alles sehr schwierig. Meinem Mann und den Kindern zuliebe bin ich doch zu jedem Besuch mitgekommen.

Dann kam der erste Schlaganfall, leicht, aber trotzdem mussten wir nach der baldigen KH-Entlassung handeln. Da wir es in der Kürze der Zeit nicht schafften, ihn gut unterzubringen, nahmen wir ihn kurzerhand mit zu uns nach Hause. Unser Haus war noch nicht fertig, die Wohnung schon zu klein für uns, aber wir rückten zusammen. Ich wollte guten Willen zeigen.

Mit Therapien und viel Training war Vater nach drei Wochen wieder soweit, dass wir es verantworten konnten, ihn zu sich nach Hause gehen zu lassen. Mein Mann organisierte wie verrückt alle möglichen Hilfsdienste, die, kaum zu Hause, von Vater wieder abbestellt wurden. Aber es schien gut zu gehen, bedanke mich heute noch bei den Nachbarn, die immer ein Auge auf Ihn gehabt haben, übers Telefon konnte er uns ja viel erzählen.

In der Zeit die Vater bei uns verbrachte, hat er so ziemlich das ganze Familienleben durcheinandergebracht. Ich war zu streng, die Kinder zu laut, mein Mann wenig da, weil eben Berufstätig, einfach schwierig.

Ich versuchte mit Vater zu bereden, wie die Vorstellungen seinerseits wären. Seine Antwort zu mir war: „Du willst mich ja nicht.“ Zu meinem Mann hiess es, er könne mir die Pflege nicht antun und zu uns gemeinsam sagte er „Ihr werdet schon das richtige machen.“ Leider hat mein Schwiegervater keine Eigenverantwortung übernommen, er wäre geistig in der Lage gewesen, für sich vorzubeugen.

Nach dem zweiten Schlaganfall und einer Operation kam Vater gleich ins Pflegeheim nahe seinem Wohnort. Auf keinen Fall wollte er zu diesem Zeitpunkt in unsere Nähe, so quasi einen alten Baum verpflanzt man nicht.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen, keine Pflege auf Dauer für meinen Schwiegervater zu übernehmen. Ohne Respekt, Liebe und Wertschätzung war dies für mich unvorstellbar, mein Mann stimmte mir Gott sei Dank zu. Meinen Beruf wollte ich nicht aufgeben und die vier Kinder wollten auch gut begleitet werden.

Diese Zeit der Entscheidungen haben sehr an mir genagt. Erst als uns Vater meldete: „Er sei noch nie so gut versorgt worden“, beruhigte sich mein Gewissen. Mit der Zeit wusste ich einfach, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe und bin noch heute dankbar dafür. Die Pflege hätte acht Jahre gedauert.

Falls die Pflege eines Angehörigen planbar ist, sollte vieles überlegt und angesprochen werden.

– fühle ich mich verpflichtet zu pflegen, wenn ja, wer hat die Pflicht auferlegt?
– kann ich mir vorstellen vielleicht über Jahre zu pflegen und die Konsequenzen daraus ziehen?
– bin ich physisch und psychisch gut genug gewappnet?
– ganz wichtig erscheint mir die Beziehung. Ohne Wertschätzung, Respekt und Liebe kann Pflege nicht gelingen.

Am besten wäre ein gutes Gespräch mit den Angehörigen schon vor der eventuellen Pflege, welche Vorstellungen und Wünsche sind da.
Wie leicht werden Entscheidungen, wenn vorab alles durchbesprochen worden ist.
Pflege kann Erfüllung sein, aber nur, wenn man es gerne und freiwillig macht und dabei sein eigenes Leben nicht vergisst. Es gibt Hilfe, man braucht sich nur helfen lassen.

Text: Hedwig Koller, ehrenamtliche Mitarbeiterin

Aus den Beratungen: Innere Motive für die Pflege

Beratung_MartinWenn man pflegende Angehörige nach den Motiven für die Betreuung fragt, haben sie sehr unterschiedliche Antworten: „Es ist ja eine Verpflichtung für die Mutter zu sorgen!“, „Wir haben es im Rahmen der Partnerschaft einander versprochen!“, „Es steht im Übergabevertrag!“, „Er tut mir so leid, ich kann gar nicht anders!“, „Ich gebe etwas zurück, was ich erhalten habe!“, Ich bekomme dafür das Pflegegeld und bin versichert!“, „Weil ich sie liebe!“, usw.

Manchmal liegen die Motive gar nicht so klar auf dem Tisch, sondern sind überlagert oder versteckt. Wie wichtig es sein kann, genauer auf die inneren Motive, auf das was einem zuinnerst wirklich bewegt und antreibt, zu schauen, zeigt ein aktuelles Beispiel aus der Beratung:

Eine Frau klagt, dass die Betreuung der Schwiegermutter sie zunehmend belastet und auslaugt. Sie erzählt, dass sie sich sehr um sie bemüht (sie widmet ihr viel Zeit und Aufmerksamkeit), aber kaum Anerkennung dafür erhält. Als sie sich dann deswegen einmal bei der Schwiegermutter beschwert, erhält sie eine Antwort, die sie sehr kränkt:
„Die Betreuung steht ja im Übergabevertrag!“

Die Frau hätte gerne Anerkennung und Wertschätzung für ihren Einsatz, was aber die Schwiegermutter aus irgendeinem Grund nicht geben kann (Stolz, Scham, innere Abwehr auf Hilfe angewiesen zu sein, …). Bei genauerem Hinsehen, auch auf die Lebensgeschichte der Frau, stellt sich heraus, dass sich da etwas wiederholt, was sie von ihrer eigenen Mutterbeziehung her kennt: Sie musste als Kind immer um die Anerkennung der Mutter ringen. Ein Lob kam der Mutter nicht über die Lippen. Als sie erkennt, dass die alte Sehnsucht nach der Anerkennung durch die eigene Mutter hinter ihrem besonderen Bemühen um die Schwiegermutter steht, kann sie sich zurücknehmen und das Betreuungsverhältnis mehr als das sehen, was es ist: ein Deal in einem Übergabevertrag.

Das Beispiel zeigt deutlich, wie wichtig die Klärung der inneren Motivation für den Energiehaushalt in einer Betreuungsbeziehung ist. Das Gespräch darüber und das Offenlegen der Motive könnte Betreuende wie Betreuten sehr weiterbringen.

Text: Martin Eilmannsberger
Psychosoziale Beratung an der Servicestelle für pflegende Angehörige

Unterstützung und Beratung finden betreuende und pflegende Angehörige