Schuldgefühle

Beratung_Martin

 

Aus der Beratung:

„Ich müsste meiner Mutter mehr Zeit schenken, sie tut mir so leid!“ Wenn ich einen Tag nicht bei ihr bin, habe ich ein schlechtes Gewissen!“ „Ich genieße den Theaterabend und mein Mann liegt allein zu Hause, da habe ich dann Schuldgefühle.“
Schuldgefühle sind oft ständige Begleiter bei der Sorge um betreuungs-und pflegebedürftige Angehörige und stellen eine große Belastung dar.  Die Hintergründe dieser negativen Gefühle sind aber häufig sehr verdeckt. Apelle aus der Umgebung, wie: „Schaue mehr auf dich! Du musst doch nicht so viel tun! Du bist viel zu besorgt! Mach einmal etwas für dich!“ sind nicht hilfreich und kränken eher.

So zum Beispiel schildert eine noch berufstätige Frau: „ Meine Mutter verlangt immer nach meiner Nähe. Wenn ich nach Hause komme, ist mein erster Weg zu ihr. Wenn es ihr schlecht geht, tut sie mir sehr leid und ich tu mich dann schwer, wegzugehen. Dabei wartet auch mein Partner, der schon in Pension ist auf mich. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich einmal mit ihm ein paar Tage wegfahren will. Er spürt meinen Zwiespalt und ist sehr geduldig und dann habe ich ihm gegenüber Schuldgefühle, weil ich mir so wenig Zeit für ihn nehme. Die Mutter hat eine 24 Stundenbetreuung- diese verstärkt das schlechte Gewissen noch, wenn sie erzählt, dass die Mutter auf mich wartet und wie wichtig es ist, dass ich Zeit mit ihr verbringe, weil es ihr dann viel besser geht. Manchmal fühle ich mich ziemlich erschöpft und traurig.“

Beim genaueren Hinschauen auf die Beziehungsgeschichte von Mutter und Tochter ergab sich dann folgendes Bild: Die Mutter war zum einen eine schöne, stolze, beruflich erfolgreiche Frau, nach deren Pfeife alle zu tanzen hatten, zum anderen aber eine über Zeiträume hinweg depressive, sensible reizbare und unerreichbare Frau. Der Vater ging in seinem Beruf auf und floh in seine Hobbies. Die Tochter beschreibt ihre Kindheit traurig. Sie hatte immer das Gefühl, dass sie nicht so ganz den Vorstellungen der Mutter entsprach: zu wenig schön, gescheit, sportlich. Sie vermisste die Anerkennung und letztendlich auch die Liebe der Mutter. Vom Vater kam der Auftrag – vor allem in den depressiven Phasen der Mutter: Reize sie nicht, tue was sie sagt, nimm Rücksicht, unterstütze sie! Sein letzter Auftrag lautete: Kümmere dich um sie und schau dass es ihr gut geht.
Das Hinschauen und auch schmerzliche Wahrnehmen des inneren bedürftigen und gekränkten Kindes, das vergeblich die Anerkennung und Liebe der Eltern suchte und immer noch sucht, die Klärung des Auftrages, der vom Vater kam, war der Beginn eines Weges heraus aus dem Schuldkreislauf und hin zu einer guten Sorge für sich selbst.

Es ist gut, nicht mit den negativen Gefühlen oder Schuldgefühlen alleine zu bleiben und sich mitzuteilen. Möglichkeiten von Beratung und Therapie, genauer hinzuschauen, gibt es. Zum Beispiel kann psychosoziale Beratung in unseren Servicestellen für Pflegende Angehörige kostenlos und vertraulich in Anspruch genommen werden. Unter http://www.pflegende-angehoerige.or.at finden Sie die Servicestelle in Ihrer Nähe.

 

Mag. Martin Eilmannsberger, Psychosoziale Beratung der Servicestelle Pflegende Angehörige

BuchTipp: Warum wir unseren Eltern nichts schulden

Warum wir unseren Eltern nichts schulden

Heute möchte ich Ihnen keinen Erfahrungsbericht oder Ratgeber vorstellen, sondern eine philosophische Untersuchung, die dazu anregt seine eigenen Handlungen und Vorurteile zu hinterfragen und zum selbstständigen Denken auffordert.

Für viele pflegenden Angehörigen, die ihre Eltern pflegen oder kurz davor stehen,  steht die Schuldfrage im Raum. Was muss ich alles machen? Wie weit darf ich mich abgrenzen von meinen Eltern? Ich bin ja dankbar für sehr vieles, möchte jedoch mein Leben weiter leben. Muss ich mich um meine Eltern kümmern, weil ich ihr Kind bin?

Im Buch „Warum wir unseren Eltern nichts schulen“ diskutiert die Moralphilosophin Barbara Bleisch klar und gut begründet  von verschiedenen Gesichtspunkten die Eltern- Kind Beziehung im Bezug auf Schuld und Dankbarkeit. Sie vertritt die These, dass Kinder keine filalen Pflichten gegenüber ihren Eltern haben. Barbara Bleisch meint damit, dass  wir unseren Eltern nichts Besonderes schulden, nur weil sie unsere Eltern sind. Sie zeigt auf transparente Weise, dass es eine Elternpflicht zur Versorgung der Kinder gibt, jedoch nicht umgekehrt. Alleine die Qualität der Eltern- Kind Beziehung ist wichtig, ob und wie Kinder sich um ihre Eltern kümmern wollen.

Durch die vielen Fragen, die einem persönlich gestellt werden. Ist es hilfreich das Buch öfters wegzulegen und erst dann, wenn man die Fragen verdaut hat, weiterzulesen. Ich kann das Buch allen empfehlen, die selbst von Schuldgefühlen geplagt sind, mit Menschen arbeiten, die in einem solchen Dilemma stecken und jedem der sich für dieses Thema interessiert und seine eigene Beziehung zu den Eltern reflektieren möchte.

hospice hände