Filmtipp zum Thema Sterben

Kerze_TrauerDiese berührende Dokumentation bietet für Angehörige eine Hilfestellung zum Thema Sterben und Sterbebegleitung. Das Filmprojekt des Sozialhilfeverbandes Schärding unterstützt sensibel und informativ Menschen auf ihrem Weg des Loslassens.
Der Film beinhaltet ganz intime Erfahrungsberichte und behandelt Fragen wie „Wann beginnt ein Sterbeprozess?“.

Sie werden hier zum Film „Wenn die Zeit zu Ende geht … und noch Leben bleibt“ weitergeleitet.

Die Servicestelle wünscht Ihnen viel Kraft auf ihrem Weg.

Einfach zum Nachdenken…

Eine Geschichte v. Anthony de Mello, Aus dem Buch „Gib deiner Seele Zeit“

Ein Kaufmann in Bagdad schickte seinen Diener mit einem Auftrag zum Basar.
Der Mann kam blass und zitternd vor Angst zurück.
„Herr“, sagte er, “auf dem Markt traf ich einen Fremden.
Als ich ihm ins Gesicht blickte, sah ich, dass es der Tod war.
Er wies mit einer drohenden Gebärde auf mich und ging davon.
Nun habe ich Angst. Bitte gebt mir ein Pferd, dass ich sofort nach Samarra reiten kann, um mich möglichst weit vom Tod zu entfernen.“

Der Kaufmann war besorgt um den Mann und gab ihm sein schnellstes Roß. Der Diener saß auf und war im Handumdrehen verschwunden.

Foto: Heinz Häubl

Foto: Heinz Häubl

Später ging der Kaufmann selbst auf den Basar und sah den Tod in der Menge herumlungern. Er ging zu ihm hin und sagte:“ Du hast heute morgen vor meinem armen Diener eine drohende Gebärde gemacht. Was sollte das bedeuten?“
„Das war keine drohende Gebärde, Sir“, sagte der Tod. „Es war nur ein erstauntes Zusammenfahren, weil ich ihn hier in Bagdad traf.“
„Warum sollte er nicht in Bagdad sein? Hier wohnt er doch.“
„Nun mir hatte man zu verstehen gegeben, dass ich ihn heute abend in Samarra treffen würde.“

Manche Menschen haben solche Angst zu sterben, dass sie ganz darauf gerichtet sind, den Tod zu vermeiden –  und dabei vergessen zu leben.

Was uns der Tod predigt…

Annemarie Aichinger

Foto: Annemarie Aichinger

Das, was uns der Tod predigt, ist nicht das Sterben, sondern das Leben, das richtige Leben.
Ich möchte mit meinem Wort vom Sterben niemanden den Tag sauer machen.
Wenn ich vorm Grab stehe, denke ich manchmal:
„Nun haben sich alle deine Probleme von selber gelöst, warum hast du das so tragisch genommen?“

Der Tod sagt: Auch die Sorgen und Probleme bekommen ein anderes Gesicht.
Und weil die Zeit begrenzt und kostbar ist,
kann auch das Verhältnis zueinander besser werden.
Wir haben einander nicht immer.
(V. Hans Innerlohinger, ehem. Voestpfarrer)

Danke Annemarie Aichinger für diesen Text!

Patientenverfügung – eine Entlastung für die Angehörigen

1939742_513182805452954_1662707199661352465_o„Mein Mann wollte nie über den Tod oder das Sterben reden. Das Thema hat er immer weggeschoben. Und jetzt soll ich entscheiden, welche Behandlung er in der letzten Phase seines Lebens erhalten soll: noch eine Antibiotikabehandlung? Künstliche Ernährung? ….  Fragen kann man ihn nicht mehr, die Demenz ist sehr weit fortgeschritten. Er tut mir leid, aber gleichzeitig bin ich wütend auf ihn! Wie immer ich entscheide, ich hab das Gefühl, es wird falsch sein!“

Jeder wünscht sich ein menschenwürdiges Sterben: schmerzfrei, apparatelos, begleitet und schnell vorbei.

Aber – entsprechend der gesellschaftlichen Tendenz – wird der Tod als Teil des Lebens beiseite geschoben und verdrängt. Ein Reden darüber fällt vielen Menschen sehr schwer. Dabei wäre es angesichts der medizinischen Möglichkeiten äußerst wichtig, sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie:

  • Welche medizinischen Maßnahmen sollen bei mir noch angewandt werden, etwa wie lange sollte ich noch Antibiotikabehandlung erhalten?
  • Kommt eine künstliche Ernährung in Frage?
  • Wie sieht eine gute Schmerztherapie aus?
  • Wer soll meine Interessen vertreten, wenn ich es nicht mehr kann?
  • ….

Rechtzeitiges Formulieren der eigenen Bedürfnisse kann ein individuell würdiges Sterben sichern, entlastet aber auch das Angehörigensystem und erleichtert ihnen die Begleitung.

Nicht selten bekomme ich in der Beratung familiäre Konflikte bezüglich der Behandlung des Betroffenen mit. Wie eingangs am Beispiel sichtbar geworden, ist die große Not, Entscheidungen treffen zu müssen, letztendlich immer eine Überforderung.
Die Auseinandersetzung mit und das Reden über das Sterben verleiht dem Leben und den Beziehungen zu den nahen Menschen Tiefe und kann es enorm bereichern. Der Tod ist Teil unseres Lebens und verleiht ihm seine Einmaligkeit.

Eine Patientenverfügung bietet die Gelegenheit, die Ergebnisse der persönlichen Auseinandersetzung im Gespräch mit einem Arzt zu verschriftlichen. Ob eine beachtliche oder verbindliche Patientenverfügung angedacht wird ist dann zu entscheiden.

Weiterführender Link:
https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/36/Seite.360200.html

Text: Mag. Martin Eilmannsberger, Berater der Servicestelle Pflegende Angehörige, Theologe und Sozialarbeiter

„Mutter beschließt zu sterben“

„Als an jenem 9. Mai meine Mutter mich anrief und sagte: „Es ist so weit“, da saß sie vor ihrem schönen Frühstück und konnte nicht mehr essen. Ich wusste was dieser Satz bedeutete. Meine Mutter wollte sterben […]“

So beginnt die berührende Geschichte von Misha Leuschen. Sie berichtet über ihre Erfahrung mit ihrer Mutter, die die Bedingungen ihres Sterbens selbst bestimmen wollte.
(erschienen in der „Welt der Frau 02|2014“)

Hier können Sie die ganze Geschichte nachlesen – PDF zum Downloaden:
„Mutter beschließt zu sterben“

„Gutes Sterben erfordert mehr als die Respektierung der Autonomie“

Foto: Heinz Häubl

Foto: Heinz Häubl

„Gutes Sterben erfordert mehr als die Respektierung der Autonomie“ – Giovanni Maio, ein deutscher Mediziner, Philosoph und Universitäts-professor für Bioethik.

Kernaussage aus einem Artikel 2011 – Zur Bedeutung der Gelassenheit am Ende des Lebens:

„Jeder Mensch wird nicht anders können, als sich irgendwann in die Helfende Hand eines anderen Menschen zu begeben. Wer diese Hand kategorisch ablehnt und das Leben lieber vorher abbrechen möchte, macht sich selbst zum Opfer eines lebensverneinenden Kontrollimperativs.“

.. die Patientenverfügung suggeriert, dass die Würde im Sterben nur gewahrt werden kann, wenn die Kontrolle über das Leben erhalten bleibt.
.. dabei wird verkannt, dass das Sterben gerade dadurch charakterisiert ist, dass es sich der absoluten Kontrollierbarkeit entzieht.

„Nur wenn man sich von dem Bestreben freimacht, auch im Sterben alles unter Kontrolle zu halten, wird man erst befähigt sein, das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen.“
Maio spricht von der Notwendigkeit einer Kultur der Angewiesenheit.

„Eine humane Medizin müsste letzten Endes eintreten für eine Kultur, in der das Angewiesensein nicht als Defekt, sondern als Ausgangspunkt und Bestandteil
einer humanan Medizin und Welt erfahren werden kann.“

Fazit
„Je mehr die Medizin das Sterben technisiert und zuweilen sterbende Menschen am Sterben hindert, desto mehr prägt die Angst vor dem Sterben in der Medizin das Bewusstsein der Menschen.“

Herzlichen Dank an Heinz Häubl für diesen Beitrag!

Sterben meines Vaters. Wie habe ich es erlebt.

DSC_0018Mein Vater kam unerwartet auf die Palliativstation des Krankenhauses, da es für seine äußerst schmerzhafte Krebserkrankung keine  Heilung mehr gab und die medizinische Versorgung zu Hause nicht in dem Maße möglich gewesen wäre.

Wann beginnt Sterben?
Das Bewusst werden, dass in absehbarer Zeit mein Vater sterben wird löste bei mir große Trauer und ein  Gefühl der Ohnmacht aus. Mein Vater war ein sehr christlich, religiöser Mensch und er liebte das Singen. Sein Wunsch war es, dass seine Familie in dieser ganzen Zeit bei ihm ist. Da wir eine große Familie sind und Urlaubszeit war, konnten wir ihm diesen Wunsch erfüllen.

Abschied nehmen – Lebensbilanz ziehen
In dieser intensiven Zeit erzählte er vieles aus seiner Kindheit, von seinen Eltern und von seinen schönsten Erlebnissen in seinem Leben. Er sprach mit jedem/jeder von uns. Er sprach auch laut mit Gott in einem freien, sehr berührenden Gebet.

Festhalten und Loslassen
Wir durchlebten mit ihm täglich die Auflehnung gegen die Wirklichkeit des Todes und auch täglich Phasen der Annahme dieses Zustandes.  In dieser Zeit beteten wir mit ihm, auf seinem Wunsch hin verschiedene Gebete, Psalmen, Rosenkranz oder ein freies Gebet, ebenso sangen wir Lieder aus dem „Gotteslob“, die ihm aus seinem Leben gut vertraut waren. Dabei bemerkten wir, dass er sehr ruhig wurde und irgendwie auf die Schmerzen vergaß. Er sang auch soweit es ging mit.
Soweit es ihm möglich war hatte er auch Humor und wir konnten trotz allem viel lachen.
Für ihn war es angenehm, wenn er immer jemand an der Hand halten konnte. Ich persönlich hielt ihm aber seine Hand die letzten Tage nicht mehr, da ich in mir dieses Loslassen stark spürte: von meiner Seite möchte ich ihn gehen lassen in die neue Welt und ihn nicht länger festhalten.

Schmerzen
Als in der letzten Woche die Schmerzen sehr, sehr stark wurden und wir uns immer wieder an die Krankenschwestern wenden konnten, erklärten sie uns, dass es körperliche und seelische Schmerzen gibt. Die körperlichen Schmerzen zeigen sich  in Muskelverspannungen am Gesicht und an den Händen. Die seelischen Schmerzen sind die „Sterbeschmerzen“, alles Loslassen, Trauer, Versäumtes, Offenes,… Für mich war diese Erklärung eine Erleichterung und gut nachvollziehbar.

Offenes, Unversöhntes
Die Pflege, Begleitung, Umsorge durch die Krankenschwestern war 200 % ig gut. So wurde nicht nur unser Vater versorgt, sondern auch wir. Wir wurden ermutigt, die Zeit zu nützen um Offenes anzusprechen, Unversöhntes zu versöhnen, auszuhalten, durch zuhalten.

Sterben
Die letzte Stunde des Sterbens war ein sehr, sehr großes Geschenk. Bevor ich an diesem Tag auf die Palliativstation fuhr brannte in mir der große Wunsch, ich möchte meinem Vater noch sagen, dass ich ihm für vieles dankbar bin.  Ich war unruhig in mir. Werde ich Worte dafür finden? Dann, am Krankenbett brach es aus mir heraus: Papa! Danke für…. Da noch vier meiner Geschwister, mein Schwager und mein Onkel dabei waren sangen wir nach meinen Dankesworten das Lied: „Danke Jesus!“ Es wurde wie eine ‚Dankeslitanai‘. Auch meine Geschwister sprachen ihren Dank aus. Obwohl wir so stark berührt waren und weinten, war es eine heilige Zeit. Nachdem wir diese Gebetszeit beendet hatten ging mein Vater von uns. Ich konnte eine letzte Träne an seinem Auge sehen. Ich hoffe, es war eine Freudenträne.
Den ganzen Sterbeprozess erlebte ich wie eine Geburt, durch Schweres hindurch bis zu dem Zeitpunkt des totalen Friedens.
Der letzte Atemzug war ein kurzer Moment. Als mein Vater ausgehaucht hatte, hatte ich sofort das Gefühl: Der tote Körper ist irgendwie nicht mehr mein Vater. Er ist wo anders. Das Gefühl hatte ich auch beim Begräbnis, mein Vater ist nicht im Sarg sondern in einer anderen Welt. Dadurch fühlte ich mich auch irgendwie stark.

Geholfen hat mir in dieser Zeit:
•    dass ich nicht alleine war, dass meine ganze Familie in dieser Zeit zusammen gehalten hatte,
•    das gemeinsame Gebet, mein Glaube
•    die guten Worte und das Mitaushalten der Krankenschwestern
•    dass ich (viel) weinen konnte
•    dass ich zu Hause genügend Zeit hatte zu schlafen und mich zu entspannen
•    dass ich versöhnt war mit meinem Vater
•    die Gegenwart meines Onkels (der Palliativseelsorger ist), seine Ruhe die er ausgestrahlt hat, seine guten Worte für uns

Ich bin dankbar, dass mein Vater ein so würdevolles Sterben mit bester körperlich, medizinischer Versorgung, mit seelisch-geistiger Versorgung durch das Beten, singen und reden mit ihm und die gute Versorgung der sozialen Dimension, dass er nicht alleine war (wir gingen diesen Weg mit ihm) hatte.

Text: Anonyme Autorin