Sehnsüchte, Wünsche und Träume – Eine pflegende Angehörige erzählt!

pusteblumeHeut bin ich 5mal aufgestanden in der Nacht. Mein Mann ist so unruhig und geistert immer umeinander. Drei Wochen war er im Krankenhaus, aber die haben das auch nicht hingekriegt.

Vier Stunden in einem zu schlafen, da wäre ich schon zufrieden. Neulich bin ich nicht gleich aufgestanden. Ich war so müde. Dann bin ich doch aufgestanden und da war das ganze Bett nass. Er hat sich die Windelhose aufgemacht. „So das ist jetzt die Strafe“, hab ich mir gedacht, „weil du nicht gleich aufgestanden bist.“

Es wird immer schlimmer! Voriges Jahr bei seinem 80iger war es noch viel besser. Er phantasiert auch beim Tag so viel. Er ist arm dabei und ich auch.

Mein Mann will mich immer um sich haben. Beim Kochen geht das ganz gut. Ich koche jeden Tag für alle! Aber ich habe auch sonst alles zu erledigen: Einkauf, Medikamente besorgen und alles was unser großes Haus betrifft. Es gibt einfach immer etwas. Meine Kinder möchte ich nicht belasten, sie haben genug mit sich selber zu tun.

Für meine Mutter, 95ig ist sie, habe ich jetzt eine 24h-Pflege. Ich habe es nicht mehr geschafft! Die zwei Pflegerinnen wechseln alle 14 Tage. Ich habe schon überlegt, auch für meinen Mann eine 24h-Pflege zu nehmen, zumindest zeitweise. Dann könnte ich vielleicht doch einige Tage fortfahren, nach München zu meiner Freundin oder Venedig würde mir gefallen, Dubrovnik war auch einmal auf meinen Plan. Oder einfach nur wandern gehen oder Zeit lassen beim Einkaufen, Freundinnen treffen – nicht immer auf die Uhr schauen müssen.

Manchmal bin ich ungeduldig mit meinen Mann. Weißt du, er hat immer sehr viele Freiheiten gehabt in unserer Ehe. Er hat sie sich genommen und ich habe immer nachgegeben und jetzt bin ich angehängt und habe nichts als Verpflichtungen!

Text: Annemarie Aichinger, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Servicestelle für pflegende Angehörige


Mag. Martin Eilmannsberger, Berater an der Servicestelle für pflegende Angehörige hat sich dazu Gedanken gemacht:

Eine Standardfrage in der Beratung ist: „Kommen Sie ausreichend zum Schlafen?“ Dauernder Schlafentzug führt in die psychische Erschöpfung. Hier besteht Handlungsbedarf, nachdem auch im Krankenhaus keine Möglichkeit der Beruhigung vor allem in der Nacht gefunden wurde.

Daneben belastet ein altes Beziehungsthema: Das Verhältnis von Geben und Nehmen  – ein wichtiges Beziehungsprinzip – war nie ausgeglichen. Stets hat die Frau nachgegeben und ihre Bedürfnisse in den Hintergrund gerückt. Etwas, was auf sehr subtile Weise die Seele zerfrisst.

Es wäre gut, einmal genauer auf die Beziehungsgeschichte hinzuschauen und Fragen einen Raum zu geben die aus dem Herzen drängen und doch hinuntergedrückt werden:
– Würde er das gleiche für mich tun?
– Was bin ich ihm schuldig?
– Was an Unterstützung entspricht unserer Beziehung?
– Wohin mit meinen Gefühlen der Wut und der Traurigkeit?…

Und vielleicht wäre es gut dem Verzicht auf eigene Bedürfnisse, dem „Immer – Nachgeben“ bei sich auf den Grund zu gehen, um aus der passiven Haltung, aus dem Gefühl des Ausgeliefert-Seins herauszukommen.

Beides, die Symptome der Erkrankung und die Kränkungen aus der Beziehungsgeschichte führen in die Erschöpfung.

Ein erster konkreter Ansatz ist sicher ,wie schon angedacht,  einen Teil der Betreuung abzugeben, für ausreichende Auszeiten zu sorgen, damit eigene Bedürfnisse (Freundschaften und Sozialkontakte, Urlaub und Ausspannen) wieder Platz haben. Nicht wenige haben für sich so ein Betreuungsmodell gefunden, bei dem sich 24Stundenbetreuung und der/die Angehörige abwechseln.

Über Sehnsüchte, Wünsche und Lebensträume

DAS LEBEN WIRD VON GROSSEN WÜNSCHEN BEWEGT,
DOCH VON KLEINIGKEITEN BESTIMMT.

pusteblumeGerade jetzt, wo der Sommer vor der Tür steht, tauchen so manche Wünsche und Träume auf. Alle reden von Urlaub und Freizeit, die sie mit Erlebnissen füllen möchten.

Wie geht es pflegenden Angehörigen dabei ? Wenn jede noch so kleine Aktivität geplant und organisiert werden muss, hat man da noch die Lust und Kraft, sich Träume und Wünsche zu erfüllen?

Meist werden Wünsche und Lebensträume zurückgestellt, obwohl man weiss, dass diese notwendige Kraftquellen sind. Eines ist gewiss – Träume, ob gross oder klein, können schwierige Zeiten leichter ertragbar machen.
Vielleicht sollte man beginnen, sich ab und zu einen kleinen Traum zu erfüllen und am grossen Lebenstraum in der Phantasie weiterspinnen. Irgendwann, so die Hoffnung, wird die Zeit der Ernte kommen.
DIE SCHÖNEN KLEINEN DINGE IM LEBEN SIND DAS GROSSE GLÜCK!

Ich persönlich hatte – und habe – immer irgendwelche Wünsche und Träume im Kopf. Die Erfüllung mancher Träume musste ich mir erkämpfen. Die Erfüllung anderer ist mir einfach zugeflogen und wieder andere erwarte ich noch. Auf jeden Fall möchte ich meine Lebensträume nicht aus den Augen verlieren. Denn Träume, Wünsche und Sehnsüchte sind richtig und wichtig, auch wenn sie nicht immer eins zu eins erfüllbar sind.

pusteblume wiese

Text: Hedwig Koller, ehrenamtliche Mitarbeiterin