Ich habe es ihr doch versprochen…

Seerose

 Eine 55- jährige Frau schilderte vor kurzem folgenden inneren Konflikt:

„Als vor ein paar Jahren mein Vater ganz überraschend an einem Herzinfarkt verstarb, ist für meine Mutter eine Welt zusammengebrochen. Er hat sich um alles gekümmert, war eigentlich auch immer der fittere der beiden. Sie hat sich in allem auf ihn verlassen. Dann hat sie sich sehr an mich gehängt. Sie hat dann in der Folge ganz viel meine Nähe gesucht, was leicht war, weil wir in einem Haus wohnen. Da ich alleine bin und meine beiden Kinder schon erwachsen sind, habe ich das auch zugelassen, sie hat mir ziemlich leid getan. Und eines Tages hat sie mir das Versprechen abgerungen, dass ich sie nicht ins Heim abschiebe. Sie ist immer gebrechlicher geworden und jetzt hat sie sich beim letzten der vielen Stürze den Oberschenkelhals gebrochen. Im Krankenhaus haben sie mir geraten einen Heimplatz oder eine 24 Stundenbetreuung zu suchen. Für eine 24 Stundenbetreuung reicht das Geld nicht. Ich kann sie nicht betreuen, weil ich noch ein paar Jahre arbeiten muss. Ich habe große Angst und ein schlechtes Gewissen, wenn ich daran denke, ihr sagen zu müssen, dass sie ins Heim muss.“


Folgende Fragen und Überlegungen können hilfreich sein:

  • Die Dame hatte alle Verantwortung bezüglich der nächsten Zukunft der Mutter zu sich genommen, obwohl die Mutter noch ganz klar ist. Demnach muss die Mutter die Entscheidung treffen, was geschehen soll und nicht die Tochter. Mit der Mutter die notwendige Pflege und die nächsten Schritte zu überlegen, könnte zuerst ein Arzt, Mitarbeiterinnen der Pflege oder die Sozialarbeiterin übernehmen. Die Tochter kann der Mutter beistehen, muss aber auch die Grenze klar formulieren: „Ich kann nicht rund um die Uhr für dich da sein. Wenn ich jetzt zu arbeiten aufhören, sind die Abschläge zu groß!“ Sie muss der Mutter die Frage stellen: „Mama, wie soll es jetzt weitergehen?“
  • Den Betroffenen Menschen fällt es oft schwer sich der eigenen Gebrechlichkeit und den schwindenden Kräften zu stellen und sich vielleicht auch mit dem Abschied aus dem Leben zu konfrontieren. Die Übersiedelung in ein Heim führt die Hilfebedürftigkeit oft drastisch vor Augen, der man am liebsten ausweichen möchte.
  • Die Übersiedelung ins Heim ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Beziehung. Die Tochter kann die Mutter nach wie vor unterstützen und für sie da sein – vielleicht sogar in freierer Weise.
  • Für die Tochter könnte es gut sein, der Mutter zu sagen, wie es ihr geht: dass sie auch traurig ist, zu sehen, wie es der Mutter geht, dass sie auch ratlos ist, wie es weitergehen kann, dass sie einen Konflikt hat zwischen Unterstützung der Mutter und Sorge um ihre eigene Zukunft (Sie verdient nicht so viel und ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben würde sie in eine finanzielle Notlage bringen). Dies ist wichtig, weil die Mutter aufgrund des Beschäftigt-Seins mit ihrer Situation, das Wohl und auch die Sorgen der Tochter nicht sehen kann: Keine liebende Mutter will, dass die eigene Tochter in eine existentielle Notlage gerät und leidet. Auch das Versprechen kann hier Thema sein: Wie kam es zustande, was wurde darunter verstanden, wie weit reicht es, ist es erfüllbar?
  • So sehr auch die Tochter von der Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung der Mutter betroffen ist, so ist auch klar, dass sie ihre Mutter den Weg der Bewältigung und Trauer gehen lassen muss und ihr diese letzte Lebensaufgabe nicht abnehmen kann.
  • Ein Blick auf die gemeinsame Beziehungsgeschichte und auf die bisherigen Bewältigungsstrategien der Mutter bei Herausforderungen und schwierigen Situation kann hilfreich sein: die Mutter hat die Verantwortung gerne an den Vater abgegeben, sie war eine sehr herzliche Frau, hat aber vor Problemen den Kopf eher in den Sand gesteckt.

 

 

 

Pflegeheim – Was spricht dafür?

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Grundsätzlich ist die Entscheidung für einen Heimplatz meistens keine leichtfertige, außer der zu Betreuende entscheidet selbst. Aus Erfahrung weiß man, dass das nur selten passiert. Klar ist, die meisten möchte so lange als möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. So lange es verantwortbar ist, sollte das auch geschehen. Meist ist dann eine Erkrankung oder ein Unfall der entscheidende Auslöser für die große Frage: Pflegeheim oder eine andere Form der rund um Betreuung.

Für pflegende Angehörige geht es auch um Verantwortung. Sie müssen sich fragen: „Will ich die Pflege übernehmen? Kann ich das aus physischen und psychischen Gründen und hab ich die Zeit und die Ressourcen ??“ Nicht jeder kann und will Pflege übernehmen, daraus kann niemandem ein Vorwurf gemacht werden.

Die Vorteile einer Pflege im Heim liegen klar auf der Hand Betreuung rund um die Uhr, Verpflegung, Gefahren sind verringert, Gemeinschaft wer will.

Fallbeispiel
Hr. A. 70 Jahre alt, lebt seit dem Tod der Mutter alleine in seinem alten Haus. Eigeninitiative war noch nie seine Stärke, außerdem fehlte das Kurzzeitgedächtnis immer mehr und der Alkohol tat das übrige dazu. Drei seiner Schwestern übernahmen die Betreuung und Organisation seines Lebens. Hr. A. lehnte anfangs eine Betreuungshilfe ab. Das ging nicht lange gut. Das Rote Kreuz wurde für die Körperpflege und Essen auf Räder organisiert. Da seine Geschwister im Umkreis von 10 km wohnten, waren die Nachbarn sehr wichtig. Immer wieder hat Hr. A. alle gegen einander ausgespielt, das war keine schöne Zeit. 10 Jahre ging das ganz gut. Nach einer schweren Erkrankung von Hr. A. war an alleine wohnen nicht mehr zu denken. Auch Hr. A. äußerte Bedenken und Ängste gegenüber den Geschwistern und Ärzten. Noch im Krankenhaus wurde mit dem Einverständnis von Hr. A. ein Heimantrag gestellt. Hr. A. lebt nun seit einem Jahr in einem Pflegeheim ganz in der Nähe seiner Geschwister .Nach anfänglichen Problemen ist es jetzt sein zu Hause. Für alle Beteiligten ist jetzt Ruhe eingekehrt-und das ist gut so.

Wir sind nicht nur Verantwortlich für das, was man tut ,sondern auch für das was man nicht tut. – wahrscheinlich Molière (1622- 1673)

Ein großes Dankeschön an unsere ehrenamtliche Blogschreiberin Hedwig Koller für diesen bereichernden Blogbeitrag.

Was denken sie persönlich über die Pflege und Betreuung im Heim, kommentieren sie und lassen sie andere an ihren Gedanken teilhaben?